tanz auf dem vulkan

zeitschrift in der krise

Volkhard Mosler – EZB blockieren ohne Illusionen!

Kritische Anmerkungen zu Blockupy und Perspektiven des Widerstands gegen die Krisenpolitik

In den letzten eineinhalb Jahren ist weltweit eine neue antikapitalistische Bewegung entstanden. Das Bündnis „Blockupy“ hat es sich zum Ziel gesetzt, an diese Bewegung anzuknüpfen und ruft deshalb zu massenhaften Blockaden des Bankenviertels und zu einer internationalen Demonstration nach Frankfurt auf. Volkhard Mosler geht der Frage nach, welche besonderen Bedingungen die neue antikapitalistische Bewegung in Deutschland vorfindet und welche Handlungsperspektiven sich daraus ergeben.

Die neue antikapitalistische Bewegung begann mit den Revolutionen in Nordafrika und dem Nahen Osten, sprang über zu den „Indignados“ in Spanien, der Besetzung des Syntagma-Platzes in Athen und weiter bis zu „Occupy Wallstreet“ (OWS) und der Explosion einer weltweiten „Occupy – Bewegung nach dem 15. Oktober 2011. Die Demonstrationen erreichten eine enorme Ausdehnung, mehr als 1,5 Mill. Menschen protestierten in 950 Städten. Die größte Mobilisierung erreichte die Occupy-Bewegung in Spanien, wo fast 1 Mill. Menschen dem Aufruf der „Indignados“ der 15M-Bewegung folgten. In New York beteiligten sich am Höhepunkt 100.000 Menschen an den Aktionen von OWS. In Deutschland waren die Aktionen wesentlich kleiner. In Frankfurt, Berlin, Düsseldorf und einigen anderen Städten nahmen etwa 20.000 Menschen an den Protesten vor den Banken teil, deren wahnhafte Spekulationen die Weltwirtschaftskrise 2007 ausgelöst hatten. Die neue Bewegung war anders als die erste Welle antikapitalistischer Proteste nach der Seattle-Demonstration 1999 wenig vernetzt, es entstand bis heute keine staatenübergreifende Koordination wie die alternativen „Weltsozialforen“ und ihre regionalen Ableger nach 2000, teils wegen ihres Ursprungs in der arabischen Revolution, teils wegen ihrer enormen Ausdehnung. Informelle Netzwerke standen häufig im Zentrum der Bewegungen, die sich selbst häufig nicht als antikapitalistisch einschätzten. Trotzdem waren es „systemische“ Bewegungen, die sich nicht aus einen Punkt (z. B. Klimawandel, Krieg oder andere Krankheitssymptome des Kapitalismus) formierten.

Sie ist auch noch aus einem anderen Grund als antikapitalistisch zu bezeichnen. Die neue Bewegung ist nicht nur aus der Erfahrung der tiefsten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren und der damit verbundenen tiefen Verunsicherung einer neuen Generation entstanden. Überall haben die Regierungen mit riesigen Summen in die Krise eingegriffen – nicht um die Ursachen der Krise zu bekämpfen, sondern um die Banken und Konzerne, das heißt den Kapitalismus zu retten. Der Staat wird nicht nur als politische Institution erfahren, die mit Polizeieinsätzen die Bewegungen zu zerschlagen versucht. Er ist auch verantwortlich für die Durchsetzung von Verarmungsprogrammen, von Kürzungen und Sparhaushalten zu Lasten der „99 %“. Insofern speisen sich die neuen Bewegungen nicht nur aus der moralischen Kritik der schlimmsten Auswüchse des Neoliberalismus, sondern sie sind der beginnende Kampf um die eigene Zukunft der Beteiligten.

Vorgefundene Bedingungen und Kampfeswille

Nun ist ja nicht zu übersehen, dass sich die Bewegungen in Ausmaß und Radikalität von Land zu Land unterscheiden. Die Bewegung der Indignados in Madrid hat ihre sozialen Wurzeln mit der Forderung nach „echter Demokratie“ fast verleugnet. Umgekehrt wurden in Ägypten und Griechenland die Massenbesetzungen auf den Plätzen durch Massenstreiks begleitet und gestärkt. Soziale Forderungen und politische ergänzten sich und verstärkten sich gegenseitig.

Auch in Deutschland kam es im Spätherbst 2011 zu neuen Protesten, allerdings waren es in Frankfurt nicht 100.000 wie in New York, sondern einige Zehntausend, die an der Occupy-Bewegung teilnahmen. Umso wichtiger ist es, nach den Ursachen zu fragen. Diese können objektiver wie auch subjektiver Natur sein. „Objektiv“, das heißt vorgegebene Realität, sind zum Beispiel die unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Krise. „Subjektiv“ nenne ich die handelnden Kollektive der von der Krise betroffenen Menschen, ihre Erfahrungen, ihre Ideen, ihr Wille zur Veränderung. Man kann es auch mit Marx ausdrücken: „Die Menschen machen ihre Geschichte, aber sie machen sie unter bestimmten, vorgefundenen Bedingungen.“ Ich habe bei den Aktionskonferenzen des neuen Aktionsbündnisses „Blockupy“ eine Analyse der „vorgefundenen“, besonderen Bedingungen vermisst und es gibt eine Tendenz zum „Subjektivismus“, die solche vorgegebenen Bedingungen übersieht. Der Subjektivismus, das heißt das Ignorieren vorhandener gesellschaftlicher Tatbestände, kann – und darin liegt seine Gefahr – zum Voluntarismus der handelnden Kollektive führen, zur Ungeduld und zur Suche nach Abkürzungen beim Aufbau des Widerstandes. Ich schicke daher meinen Überlegungen zu gegenwärtigen politischen Handlungsperspektiven einige Bemerkungen zu den objektiven Bedingungen, d. h. der Lage der Arbeiterklasse hierzulande, voraus. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass Entschlossenheit, Kampfeswille und Mut wichtige, unabdingbare Tugenden sind, wenn wir uns überhaupt gegen die Herrschenden und ihrer finsteren Pläne einer „Krisenlösung“ erfolgreich zur Wehr setzen wollen.

Krise und neuer Antikapitalismus

Im letzten Herbst, dem Zeitpunkt der ersten großen internationalen Protestwelle der neuen antikapitalistischen Bewegung, stand die Eurozone kurz vor einem Kollaps. Seitdem hat die EZB unter ihrem neuen Präsidenten Draghi fast eine Billion Euro in Form von Billigkrediten (1 % auf 3 Jahre) in die Banken gepumpt, und der Finanzkollaps Griechenlands konnte durch eine Einigung zwischen der griechischen Regierung und den Gläubigerbanken in letzter Stunde verhindert werden. Insofern hat die Krise eine Verschnaufpause eingelegt. Aber diese wird nicht von Dauer sein, weil die unmittelbare Ursache der Krise, die hohe Verschuldung der Staaten der Eurozone, nicht beseitigt sind. Wichtigstes Anzeichen, dass dies nur eine Verschnaufpause ist, sind die wieder ansteigenden Zinsen auf neue Staatsanleihen in Spanien und Italien.

Merkel und Sarkozy haben mit dem geplanten Fiskalpakt und dem „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (ESM) Millionen Menschen in der gesamten EU eine Rosskur verschrieben, ein Spardiktat, das in Ausmaß und sozialen Folgen an die Brüningschen Notverordnungen 1930-32 erinnert. Millionen Menschen wurden damals in die Arbeitslosigkeit und in eine beispiellose Verelendung gestoßen.

Neben den bereits geschilderten antikapitalistischen Demonstrationen hat es in Griechenland, Spanien, Portugal, Belgien und Britannien, anders als hierzulande, Massenstreiks und Generalstreiks gegen dieses Spardiktat gegeben.

Krise ohne steigende Arbeitslosigkeit

Allerdings hat die Wirtschaftskrise von 2008/9 in Deutschland, im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, bislang keine oder vergleichsweise geringe Verelendungsprozesse, insbesondere keine starke Erhöhung der Arbeitslosenquote, nach sich gezogen.

Kasten 1:

Die Ungleichzeitigkeit der Krise

In Spanien hat sich die Arbeitslosenquote (Anteil der Arbeitslosen an der Zahl der Erwerbsfähigen) von 2008 bis 2011 fast verdreifacht (von 8,2 auf 23,6 %) ähnlich in Griechenland, in Portugal hat sich die Quote fast vervierfacht (von 4,5 auf 15,2 %). In Deutschland ist die Quote dagegen im gleichen Zeitraum leicht gesunken (7,8 auf 7,1 %). Noch drastischer fällt der Vergleich bei der Jugendarbeitslosigkeit aus. In Spanien und Griechenland sind nahezu die Hälfte aller Erwerbsfähigen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos, in Frankreich sind es immerhin 23 %, in Deutschland ist die offizielle Jugendarbeitslosigkeit seit 2007 dagegen auf 6,3 % zurückgegangen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es sich hier um geschönte Zahlen handelt, weil 300.000 Jugendliche in so genannten berufsvorbereitenden Lehrgängen („Warteschleife“) geparkt sind und damit die Jugendarbeitslosigkeit etwa doppelt so hoch ausfällt als offiziell angegeben, ist sie damit doch immer noch weit unter den dramatischen Zahlen in Südeuropa, Frankreich oder Großbritannien.

Hintergrund der unterschiedlichen Entwicklung der Arbeitslosigkeit ist die unterschiedliche Entwicklung der Wirtschaft, aber auch der unterschiedlichen Reaktionen der Politik. Die Krise von 2008/9 ist die erste Krise in Deutschland, in der die Arbeitslosigkeit nicht oder kaum zugenommen hat, obwohl sie mit einem Einbruch des BIP um 5,1 % mehr als doppelt so tief war wie frühere Krisen (1975: -1,3 %; 1982: -1,1 %; 1993 -1,1 %; 2003: -0.1 %). In den vier vorangegangenen Rezessionen war die Zahl der Arbeitslosen je um etwa eine Million angestiegen. 1974/75 stieg die Arbeitslosenquote von unter 2 auf über 4 %, 1981/82 verdoppelte sich die Quote von 4 auf knapp 8 %, 2008/09 stieg sie dagegen lediglich um 0,3 % (von 7.5 auf 7.8 %), um schon 2010 auf 7.1 % zurückzugehen.

Der Hauptgrund für die konstante Arbeitslosenquote in Deutschland liegt in einer einmaligen Kurzarbeitergeld-Regelung. Die große Koalition von CDU/CSU und SPD verlängerte 2008/9 die Kurzarbeitergeld-Zeit von maximal 6 auf bis zu 24 Monate. Im Juni 2009 bezogen 1,4 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld, der durchschnittliche Arbeitsausfall betrug 31,2 %, in der Metallindustrie war gut jeder dritte Beschäftigte im Juni 2009 in Kurzarbeit. Da die Bundesanstalt für Arbeit 60 bis 67 % des Gehaltes für die Ausfallzeiten übernimmt, blieben die Nettogehälter auch bei Kurzarbeit bei durchschnittlich 90 %.

Der geringe Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland betraf fast ausschließlich Leiharbeiter (-300.000 im Krisenjahr), die Stammbelegschaften blieben weitgehend verschont. Betriebsräte und Gewerkschaften hielten die Füße still und waren insgeheim erleichtert, dass die Krise „nur“ die prekär Beschäftigten und die Arbeitslosen betraf.

Diese Spaltung setzte sich im Jahr 2010 fort. Das Merkelsche Sparpaket von 2010 betraf vor allem Menschen mit geringem Einkommen, die Arbeitslosen und die Niedriglöhner. Auch hier blieben Normalverdiener und Gutverdiener weitgehend verschont. Die Rechnung Merkels ging auf, ein angekündigter „heißer Herbst“ blieb aus. Ein Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ konnte im Juni in Stuttgart und Berlin etwa 40.000 Menschen auf die Straße bringen. Der DGB raffte sich zu zwei Pflichtprotesten im Oktober in Hannover und Frankfurt mit ca. 20.000 Teilnehmern auf.

Die zweifache Spaltung

Bis heute ist die Grundstimmung in den Betrieben geprägt durch die geschilderte zweifache Spaltung. Deutschlands Stammbelegschaften sind von der Krise und den Krisenfolgen weitgehend verschont geblieben, weil das deutsche Kapital gestärkt aus der Krise hervorgegangen ist. Die tiefe Krise von 2008/9 war 2011 bereits überwunden: Das BIP stieg in den drei Jahren 2009-2011 in Deutschland um 1,5 %, während es in der gesamten EU um 0,6 % schrumpfte.

Damit soll nicht gesagt werden, dass es keine Verarmung und Polarisierung der Klassenverhältnisse gibt, im Gegenteil. Aber diese Prozesse liegen zum einen für die große Mehrheit schon weiter zurück, zum andern können sie mit der Krise in die süd- und westeuropäischen Staaten „exportiert“ werden.

Kasten 2:

Krise und soziale Spaltung

Deutschland hat die schwächste Reallohnentwicklung in der gesamten EU in den Jahren 2000 bis 2008 gehabt – „dank“ Schröders Agenda 2010 und den tiefen Einschnitten in die Arbeitslosenversicherung (Hartz IV), das Kündigungsschutzrecht und die Rentenreform.

Die realen Nettolöhne und Gehälter sind seit der Jahrtausendwende in Deutschland stark gesunken. Bei den Beschäftigten im Niedriglohnsektor (NLS) hatten die Einbußen 16 bis 22 % betragen, im Durchschnitt aller Beschäftigten sind die Reallöhne dagegen um 2,5 % zurückgegangen. Auch hier zeigt sich die Spaltung in NLS und Normalarbeitsverhältnisse.

Diese extreme Standortpolitik trägt nun – für die Kapitalisten – ihre Früchte in Form von höheren Profiten und einer relativ guten Konjunkturentwicklung. Die Krise wurde im wahrsten Sinne des Wortes „exportiert“, die Krise der Eurozone bewegt sich wie eine Wippe, der Aufschwung Deutschlands – getragen durch hohe Exportüberschüsse – führt zum Niedergang der Süd- und Westeuropäischen Staaten.

Zugleich hat sich die Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse auch im Aufschwung fortgesetzt. Der Niedriglohnsektor ist nicht zurückgegangen. 2010 gehörten ihm 23,1 % aller Beschäftigten an, das heißt sie verdienten weniger as 9,15 € pro Stunde. Die Durchschnittslöhne im NLS betrugen 2010 6,68 € im Westen und 6,52 € im Osten. Über 7 Millionen Arbeiter und Angestellte (von 30 Millionen) waren 2010 in so genannten atypischen Arbeitsverhältnissen beschäftigt (Leiharbeiter, Minijobs, prekäre Beschäftigungsverhältnisse usw.).

Voluntarismus

Die Ungeduld in Teilen der außerparlamentarischen Linken angesichts des wenig entwickelten Widerstandes gegen eine kapitalistische „Krisenlösung“ in Deutschland ist nur allzu verständlich und ist angesichts des geplanten Verarmungsprogramms von „Merkozy“ gegen Millionen Menschen sogar sehr sympathisch.

Aber Ungeduld ist ein schlechter Berater. Ein Beispiel dieser Ungeduld ist das Leittransparent auf der Demonstration M31 (Frankfurt 31. März): „Kapitalismus ist die Krise – Solidarität, Streik, Aufstand“. Kapitalismus ist in der Tat heute identisch mit Krise, und Solidarität ist unser Prinzip. Aber der Aufruf zum Streik und zum Aufstand ist entschieden zu früh – nicht weil Streik und Aufstand gegen dieses System nicht legitim wären, sondern weil die Vorbereitung zum Streik fehlt und weil der Ruf zum Aufstand im März 2012 in Frankfurt abenteuerlich ist, wenn er ernst gemeint wäre. Aber auch als bloße Propagandalosung sind beide abstrakt. Für was soll gestreikt werden? Wogegen richtet sich der Aufstand? Eine große Streikbewegung im Öffentlichen Dienst für einen einheitlichen Betrag von 200 € wäre möglich gewesen. Er scheiterte am immer noch funktionierenden „Krisenkorporatismus“ zwischen den herrschenden Eliten und der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbürokratie. Ein Streik gegen Niedriglöhne und gegen Klassenspaltung wäre möglich gewesen, ein Streik gegen den Kapitalismus liegt noch in weiter Ferne.

Ähnlich voluntaristisch war die Forderung im Aufruf zur Europäischen Aktionskonferenz vom 24.-26. Februar: „Lasst uns das Finanzviertel (in Frankfurt) blockieren wie die Occupistas in Oakland den Hafen“, hieß es darin. Das würde aber bedeuten, dass die Angestellten und das Putzpersonal der Banken gemeinsam mit den „Occupistas“ die Banken blockierten. Denn der große Durchbruch der Demonstranten in Oakland (Kalifornien) bestand ja darin, dass relevante Teile der Hafenarbeiter und ihrer Gewerkschaft die Blockade unterstützt hatten. Wie überhaupt die Occupy-Bewegung in den USA auf Unterstützung von Teilen der Gewerkschaften zählen konnte – und zwar, weil die Krise in den USA mit Massenentlassungen und Erschütterung der Gewerkschaften, wie nie zuvor seit Ronald Reagans Präsidentschaft in den 1980er Jahren, die objektiven Bedingungen dafür geschaffen hatte.

Ziviler Ungehorsam und Klassenkampf

Die Parole von M31 ist zwar unzeitgemäß und deshalb abstrakt, aber sie weist trotzdem in eine richtige Richtung. Die Methoden des „zivilen Ungehorsams“, wie sie in Deutschland in den letzten Jahren mal mehr (Dresden nazifrei, G8 Belagerung von Heiligendamm, Massenblockaden gegen Atomtransporte), mal weniger (Stuttgart 21) erfolgreich waren, können unter bestimmten Bedingungen ein wichtiger Schritt für soziale Kämpfe sein. Deshalb unterstützen wir (marx21) auch den Aufruf zur Bankenblockade in Frankfurt. Allerdings wird selbst eine erfolgreiche Bankenblockade erst einmal nicht ausreichen, um die Herrschenden in ihren wild entschlossenen Plänen einer „Lösung“ der Krise nach Schröders Modell, einer Agenda 2020 für fast ganz Europa, aufzuhalten.

Ziviler Ungehorsam als „klassenunspezifische“ Kampfform hat in der Geschichte der Klassenkämpfe durchaus seinen Stellenwert. Diese Kampfform war z. B. erfolgreich, um die Naziaufmärsche in Dresden zu stoppen. Im Kampf gegen Sozialabbau und kapitalistische Krisenlösungen haben Kampfformen des zivilen Ungehorsams allerdings nur als erster Schritt hin zu den traditionellen Mitteln des Klassenkampfes einen Stellenwert, hin zu Massendemonstrationen und politischen Massenstreiks wie in Griechenland.

Massenhafter Widerstand auf den Straßen kann unter Umständen zum Funken werden, der zur sozialen Explosion und zu politischen Massenstreiks führt. Das klassische Beispiel sind die mehrtägigen Barrikadenkämpfe von Studenten im Mai 1968 in Paris gewesen, die den größten Generalstreik der französischen Geschichte ausgelöst haben. Ähnliche Entwicklungen gab es in jüngster Vergangenheit in Athen, in Kairo und London. Entschlossene Minderheiten können unter bestimmten Bedingungen proletarische Massenbewegungen auslösen, die wiederum allein die potentielle Macht besitzen, erfolgreiche Aufstände gegen den Kapitalismus zu führen. Es gibt freilich viel mehr Negativbeispiele in der Geschichte, wo kampfentschlossene Avantgarden isoliert blieben. Die entscheidende Bedingung ist jedoch, dass beides zusammenkommen muss: Funke und genügend (sozialer) Sprengstoff.

Der Übergang von der Solidarität kämpfender Minderheiten zu Massenstreiks liegt in Deutschland noch in der Zukunft: Die Popularitätskurve von Frau Merkel geht immer noch nach oben – im März lag sie bei einer Zustimmungsquote von 65 %, die Eliten und ihre Medien feiern sie als erfolgreiche Krisentöterin. Nichts ist von der Wahrheit weiter weg. Allerdings sind die unmittelbaren Erfahrungen einer wenig kampferprobten Arbeiterklasse durchaus ein Nährboden für solche Seelenmassage.

Eine Betriebsrätin der Großchemie umschrieb die Stimmung in ihrem Betrieb im Dezember 2011 mit den Worten: „Die halten die Füße still. Nach dem Schock der Krise 2009 herrscht die Meinung vor, dass wir noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind.“

Nach Bereitschaft zum Aufstand klingt das erstmal nicht. Deshalb: Blockiert ohne Illusion!

Kampf gegen Fiskalpakt und ESM

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Die geplante Verabschiedung des europäischen Fiskalpaktes durch den Bundestag im Mai stellt einen politischen Angriff der herrschenden Klassen auf soziale und politische Rechte der arbeitenden Klassen in ganz Europa dar. Leider spielen Fiskalpakt und ESM bisher keine besondere Rolle in den Aufrufen von „Blockupy“, sie werden nicht einmal erwähnt. Eine Aktion unmittelbar vor einer so einschneidenden Entscheidung des Bundestages, für die die Merkel-Regierung die Zustimmung von zwei Dritteln der Abgeordneten braucht, also auch die Zustimmung von Teilen der Opposition, muss sich daran messen lassen, was sie zur Aufklärung darüber und zur Formierung des Widerstandes dagegen beiträgt. Blockupy wendet sich völlig zu Recht gegen die Politik der Verarmung durch die „Troika“ aus EU-Kommission, EZB und IWF. Aber die EU-Kommission und die EZB sind wesentlich von Merkel und Sarkozy abhängig und hinter der deutsch-französischen Allianz stehen wiederum nicht nur die europäischen Banken, sondern die herrschenden Eliten, die „1 %“. Deshalb darf sich unser Widerstand nicht auf die Banken verengen. Merkels und Sarkozys „Fiskalpakt“ ist mehr als ein Diktat der Banken. Es ist ein Diktat im Namen des deutsch-französischen Kapitals, der auch eine Umverteilung der Macht innerhalb der EU bedeuten würde.

Die neue antikapitalistische Bewegung trifft in Deutschland auf besondere Bedingungen: Ein im Vergleich zu früheren Wirtschaftszyklen äußerst bescheidener Aufschwung gibt der Regierung Merkel noch einen gewissen Manövrierspielraum. Ob es der Bewegung gelingt, in Frankfurt im Mai 2012 Verhältnisse „wie in Oakland“ herzustellen, muss angesichts der unterschiedlichen sozialen Ausgangsbedingungen hierzulande erst einmal bezweifelt werden. Oakland auf Frankfurter Verhältnisse angewandt, würde bedeuten, dass zumindest Teile der Beschäftigten der Banken (z. B. das prekär beschäftige Putzpersonal, das auch hier dem Niedriglohnsektor angehört) mit den Belagerern gemeinsam die Eingänge der Banken blockierten. Die Frage stellen, heißt auch, sich nüchtern Rechenschaft abzulegen über den Weg, der noch vor uns liegt. Damit wollen wir nicht der Resignation das Wort reden, sondern vor einem falschen Optimismus warnen, der nur zu schnell in die Rituale der Resignation der Mehrheit und politisch fruchtloser Militanz isolierter Minderheiten münden kann.

Volkhard Mosler ist Mitglied des Kreisvorstandes DIE LINKE Frankfurt und Unterstützer des Netzwerks marx21. Volkhard Mosler war u. a. im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), in der Sozialistischen Arbeitergruppe (SAG) und im Linksruck tätig, war außerdem Herausgeber der Monatszeitung „Klassenkampf“ und in der Redaktion der Zeitschrift Sozialismus von unten. Er veröffentlichte u. a. „Der Krieg gegen den Sozialstaat“ (2004) und „An Krieg wieder gewöhnen? Niemals! die Rückkehr des deutschen Militarismus“ (1996).

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