tanz auf dem vulkan

zeitschrift in der krise

Thiel Schweiger – Schauspiel Frankfurt

Eine Stadt am Pulsschlag des postmodernen Finanzkapitals

Die Stadt Frankfurt am Main wird ökonomisch vom Finanzkapital dominiert. Dies ist jedoch kein rein ökonomisches Faktum, sondern hat Auswirkungen auf die gesamte Stadt. Dies gälte es zu zeigen. Frankfurt dient dabei als Beispiel für die ‚Postmoderne‘, die ökonomisch auch insgesamt durch einen immer größeren Anteil der Finanzsektors am gesamten Wirtschaftsgeschehen gekennzeichnet ist. Es regt sich jedoch auch Widerstand.

Am Golde hängt, zum Golde drängt …“

Frankfurt am Main ist eines der wichtigsten Drehkreuze des globalen Finanzkapitals. Es beherbergt nicht nur die größte deutsche Börse, an der 90 % aller in Deutschland getätigten Börsengeschäfte abgewickelte werden (gemessen nach Börsenwert ist die Frankfurter Börse übrigens die größte der Welt), sondern auch 215 deutsche und (größtenteils) internationale Banken, darunter die Hauptsitze der beiden größten deutschen Privatbanken, Deutsche Bank und Commerzbank, sowie wichtige öffentlich-rechtliche Banken wie die Hessische Landesbank, die Kreditanstalt für Wiederaufbau und die Europäische Zentralbank. Der genossenschaftliche Sektor ist mit dem Hauptsitz der DZ-Bank, dem wichtigsten Zentralinstituts der Genossenschaftsbanken, vertreten. Darüber hinaus verfügt Frankfurt auch über einen der größten Flughäfen Kontinentaleuropas sowie die größte deutsche Messe. Nicht zuletzt befinden sich auch zentrale Knotenpunkte des Internets hier, u. a. der DE-CIX, der weltweit größte kommerzielle Internetknotenpunkt.

Diesen Eindruck bestätigt nicht nur der schiere Augenschein beim Blick auf die skyline mit den Türmen der Banken, sondern auch ein Blick auf die Statistik: Dienstleistungsbetriebe erwirtschaften 86,1 % der Frankfurter Wertschöpfung, wobei der Bereich „Finanzierung, Vermietung, Unternehmensdienstleister“ für die Hälfte der Gesamtwertschöpfung verantwortlich ist – mit jeweils trotz Finanzkrise steigender Tendenz. Und: die Wertschöpfung Frankfurts ist ungemein hoch. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Frankfurts beträgt derzeit pro Erwerbstätigen etwa 85.000 €. Zum Vergleich: das BIP pro Erwerbstätigen in Deutschland beträgt 62.000 €.

Dies schlägt sich entsprechend in der Verteilung der Beschäftigten nieder (in Klammern jeweils der Wert für Gesamtdeutschland): Anteil der Beschäftigen im Dienstleistungssektor: fast 90 % (D: ca. 73 %), Anteil des Bereichs erwähnten Bereichs „Finanzierung …“: fast 40 % (mit in den letzten Jahren steigender Tendenz) (D: ca. 17 %), Anteil der Beschäftigten im Bereich Versicherungs- und Finanzdienstleistungen: 15 % (D: ca. 3 %). Insbesondere letzter Wert verdeutlicht die starke Prägung auch der Bevölkerungsstruktur Frankfurts durch das hier ansässige Finanzkapital.

Wen wundert es da, dass auch die Stadt Frankfurt extrem reich ist? Frankfurt erzielte etwa im Jahr 2008 Gewerbesteuereinnahmen von 1,64 Milliarden € – das sind hinter München (1,9 Milliarden €) die zweit meisten aller deutschen Städte, und das, obwohl Frankfurt gemessen an der Einwohnerzahl gerade mal halb so groß ist. Einnahmen, die natürlich insbesondere auf die Präsenz erwähnter Finanzdienstleister zurückzuführen sein dürften. Daraus ergibt sich eine auf der Hand liegende Interessenverflechtung zwischen Wirtschaft und Politik: gerade wenn sie eine besonders soziale und bürgerfreundliche Stadtpolitik machen will, kann keine Stadtregierung die Interessen der Gruppe der größten Steuerzahler ignorieren.

Wenn nicht Geburt, schafft Güter mir die List. Mir gilt für gut, was nützlich ist.“

Diese Zahlen spiegeln sich auch in den zahlreichen Studien wider, die die großen Metropolen der Welt nach verschiedenen relevanten Faktoren (Wirtschaftskraft, Attraktivität des Wohnens, Image etc.) miteinander vergleichen. Fast überall gehört Frankfurt zumindest zur Top 20, teilweise selbst vor Berlin, Hamburg oder München. Die Konkurrenz ist dabei freilich hoch. Denn anders als klassische Industriebetriebe zeichnen sich Finanzdienstleister insbesondere dadurch aus, dass sie extrem flexibel sind. Ihres Namens zum Trotz könnte etwa die Deutsche Bank ohne wahnsinnig hohe Kosten den Schwerpunkt ihrer geschäftlichen Aktivitäten innerhalb kürzester Zeit nach London, New York oder Tokio verlegen – und einen guten Teil des hoch qualifizierten Personals wegen der Dominanz des Englischen in dieser Branche gleich mitnehmen. Wichtig sind in diesem Wettbewerb freilich nicht so sehr die für die Industrie wichtigen harten Standortfaktoren, also insbesondere eine gute Infrastruktur (auch wenn der Flughafen eine Schlüsselrolle für den Standort Frankfurt spielen mag – schließlich ist es für die Finanzmanager ungemein wichtig, schnell in aller Welt Geschäfte machen zu können), sondern weiche Parameter, die einer weitaus feinfühligeren, raffinierteren und zugleich unsichereren Planung bedürfen. Es geht einerseits darum, dass sich die Beschäftigten der Finanzdienstleister hier wohlfühlen, andererseits geht es um schlichte Imagepflege: um den Markenwert der Stadt ist es zu tun.

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren.“

Dieser Markenwert ist nun auch für die Finanzkapitalisten selbst entscheidend. Denn kommt es im Industriekapital aller gegenläufiger Tendenzen zum Trotz immer noch zu guter letzt auf die materielle Qualität der verkaufen Produkte an, um den guten Ruf einer Marke zu etablieren, basiert der Erfolg einer Finanzdienstleisters wesentlich auf „soft skills“: ein guter Ruf, Vertrauen („credo“ [lat.]: „ich glaube, vertraue“), Geschäftskontakte etc. „Schein statt Sein“ – so lässt sich diese Logik auf den Punkt bringen. Die Spekulation ist auf ein anziehendes Spektakel angewiesen. So ist die oben genannte Interessenverflechtung keineswegs einseitig: auch die Finanzkapitalisten haben ein vitales Interesse daran, dass Frankfurt einen positiven Markenwert hat, der letztendlich auch ihren eigenen steigert. Oder anders gesagt: sie haben ein konkretes Interesse daran, dass ihre „Schein statt Sein“-Logik die gesamte Stadt beherrscht. Dies manifestiert sich beispielsweise in der immensen Sponsoringtätigkeit, die der Stadt Frankfurt eine so blühende Hochkultur beschert. Ein wichtiger Fokus der Imagepflege ist aber nicht zuletzt die Wissenschaft – genauer: die „Goethe-Universität“.

Wie anders tragen uns die Geistesfreuden …“

Ein Spezifikum der Goethe-Universität ist, dass sie als Stiftungsuniversität „autonom“, d. h. vom Land Hessen in vielen Bereichen „unabhängig“ ist. Diese „Autonomie“ bedeutet freilich eine direkte Einflussnahme auf die Universität durch das Stiftungskuratorium und damit die Stifter. Besonders manifestiert sich dies im „House of Finance“ auf dem IG-Farben-Campus, wo sogar die Hörsäle Bankennamen tragen. Die vielfach aufgezeigte Einflussnahme der Finanzunternehmen insbesondere auf die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften legen nahe, dass es hier nicht nur um „Großzügigkeit“, sondern sehr gezielt darum geht, die Universität zur Kaderschmiede für die nächste Generation von Führungskräften zu machen. Das „House of Finance“ ist darüber hinaus aber auch wichtiger Ort der Vernetzung der beteiligten Unternehmen untereinander und mit der als Unternehmensberatung fungierenden Wissenschaft. Im Stile eines Privatunternehmens stellt die Uni den IG-Farben-Campus regelmäßig Privatunternehmen und wirtschaftsnahen Verbänden etc. als Tagungsort zur Verfügung. Schließlich handelt es sich, laut Eigenwerbung, um den „schönsten Campus Europas“ und keine Schönheit darf ungenutzt bleiben. Im Gegensatz zum alten Campus Bockenheim mit seinen auf Funktionalität ausgerichteten Beton-Bauten, sind die Wissenschaftspaläste am neuen Campus primär auf Repräsentation ausgerichtet. So wurde der monumentale Baustil des alten IG-Farben-Hauptquartiers auch in den Neubauten zu kopieren versucht. Die Funktionalität steht dabei nicht nur nicht im Vordergrund, sondern bleibt auf der Strecke: im IG-Farben-Haus müssen etwa alte Lagerräume plötzlich als Seminarräume fungieren. Dies alles ergibt einen wahren „Tummelplatz der Ideen“ (so der Uni-Präsident zum neuen Campus), der der Entwicklung neuer kreativer, flexibler, undogmatischer Konzepte zum besseren Krisenmanagement und ideologischer Unterfütterung des nächsten Sozialkahlschlags oder Angriffkriegs.

Auch die kritische Sozial- und Rechtswissenschaft, gebündelt im Exzellenzcluster „Normative Orders“, darf in diesem fröhlich-postmodernen Reigen nicht fehlen. Gerade hier darf man sich nicht täuschen: mit einer radikalen Kapitalismuskritik, für die die „Frankfurter Schule“ unter Adorno und Horkheimer einst stand, hat die derzeitige Generation der „Kritischen Theorie“ explizit nur mehr wenig zu tun. Seit der sprach- und anerkennungstheoretischen Wende unter Habermas und Honneth stehen hier, polemisch überspitzt gesagt, Fragen der symbolischen Integration in den Kapitalismus im Vordergrund statt einer radikalen Position gegen dieselbe. Die als „System“ bezeichnete wirtschaftliche Basis der Gesellschaft wird dezidiert nicht in Frage gestellt, allenfalls in sozialdemokratischer Manier Regulierungsmaßnahmen und wohlfahrtsstaatliche Herstellung eines Klassenkompromisses gefordert. Auch wenn hier und da kritischere Stimmen zu vernehmen sein mögen – gesellschaftliche Funktion dieses Treibens (sonst würde es schließlich kaum so üppig mit Bundesgeldern gefördert werden) ist die ideologische Aufpeppung des Spektakels um „kritische Stimmen“. Denn das scheint das zentrale Kennzeichen des postmodernen, finanzkapitaldominierten Kapitalismus zu sein: immer wichtiger wird in ihm die Symbolproduktion. „Kritik“, „Kreativität“, „Phantasie“ und all die anderen Parolen, für die die alte Studentenbewegung noch stritt, stehen dieser Symbolproduktion nicht einfach schlicht entgegen, sondern werden in sie produktiv integriert.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe (2/12) des universitären Imagepflegeorgans „UniReport“ spricht all dies recht offen aus. Er resümiert die Ergebnisse einiger Studien, die sich dezidiert mit dem „Image“ der Universität und der Stadt Frankfurt beschäftigen. Es wird darüber geklagt, dass Frankfurt innerhalb Deutschlands fast ausschließlich mit den Banken assoziiert und als hässliche Großstadt wahrgenommen werde, obwohl es doch im internationalen Vergleich so gut da stünde. Doch es gibt, zumindest was die Universität betrifft, Grund zur Entwarnung: „Die Goethe-Universität steht zwar unter dem Eindruck eines gewissen Frankfurt-Malus, kann sich aber als Marke [sic!] durchaus eigenständig positionieren.“ Als Grund für dieses vergleichsweise gute Image der Universität wird insbesondere deren Assoziation mit der „Frankfurter Schule“ genannt. Am Ende wird die Interessenverflechtung der Frankfurter Akteure offen ausgesprochen: „Der Stadt Frankfurt wäre zu wünschen, dass sie ihr enormes Potential an Diversität besser in der bundesweiten Öffentlichkeit zur Geltung bringt.“ Auf der gegenüberliegenden Seite wird dann die Wichtigkeit von „politischem Engagement als Teil des Studiums“ herausgestellt. Insbesondere, weil man dabei „auch viel über politische Kommunikation, Verhandlungsstrategien, Verwaltung, Organisation und sich selbst“ lernen könne. Darin scheint die nicht zu unterschätzende subjektive, individuelle Seite der Hegemonie der „Schein statt Sein“-Logik auf: selbst kritisches Engagement wird noch als individueller Wettbewerbsvorteil mobilisiert. Das, was man als das Sein des Subjekts, eigene Bedürfnisse, Ziele, Werte etc., bezeichnen könnte, bleibt in dieser Logik auf der Strecke. Selbst der politische Widerstand wird, dieser Tendenz nach, nicht mehr um seiner selbst, sondern um seiner Funktion für das Image willen geführt.

Durch zerlumpte Kleider sieht man die kleinen Laster: lange Röcke und Pelzmäntel verbergen alles.“

Auf der Strecke bleiben in Frankfurt ökonomisch betrachtet vor allem die, deren Einkommen nicht ausreicht, um an der an den Bedürfnissen der im Finanzbereich beschäftigten Gutverdiener ausgerichteten, und entsprechend kostspieligen, Konsumsphäre teilzuhaben. Die Putz- und Servicekräfte an der Uni („natürlich“ meist Frauen nicht-deutscher Herkunft), die Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen etc. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der in Frankfurt schon weitaus länger als in anderen Städten stattfindenden Gentrifizierung wider. Während am Mainufer teure neue Eigentumswohnungen mit zugehörigem Anlegeplatz für das eigene kleine Motorboot entstehen, wird vielfach der Mangel an auch für weniger betuchte Bewohner der Stadt (meist Migranten) bezahlbaren Wohnraum beklagt. Sie müssen in die eher randständigen Stadtteile auswandern, fern von der Glamourwelt der Banken. Gleichzeitig stehen selbst dort in den zahllosen neuen Wolkenkratzern ein guter Teil der Büroflächen leer – auch hier besiegt der Schein das Sein. Aber auch wer nicht auf die spiegelglatten Oberflächen der Türme steht, bekommt in Frankfurt einiges heimelig-historisches geboten. Seit Jahren wird systematisch der Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg fast völlig zerstörten „alten Frankfurts“ betrieben. Wer sich etwa an den Fachwerkhäusern rund um den „Römer“ erfreut, darf sich nicht täuschen: das Fachwerk ist nur Fassade, um ein gemütliches Ensemble zur Förderung des Tourismus und zur Untermalung der diversen städtischen Events zu bieten. Dieses geradezu karnevaleske Nebeneinander der Epochen zeugt von dem Willen, die reale Geschichte vergessen zu machen und durch ein spektakuläres Konstrukt zu ersetzen. Eine Avantgarde-Funktion nimmt dabei wieder einmal die Stiftungs-Uni ein. Am ehemaligen Hauptsitz des direkt an den Massenvernichtungen der Nazis beteiligten IG-Farben-Konzerns gibt es zwar eine Gedenkstätte (auch dies fördert schließlich das Ansehen des „Tummelplatzes“) – doch die befindet sich in einem ehemaligen Geräteschuppen auf dem Parkplatz. Im Schatten der kunstvoll arrangierten Laubbäume – auch an Grünflächen darf es schließlich nicht fehlen! – luken dann unauffällig noch einige vereinzelte Gedenktafeln hervor.

Leicht wird ein kleines Feuer ausgetreten, das – erst geduldet – Flüsse nicht mehr löschen.“

Auch auf der kulturellen Ebene haben, bei aller Sympathie der postmodernen Kulturmanager auch für „alternative“ Kulturprojekte – an denen es in Frankfurt wahrhaft keinen Mangel gibt –, diejenigen Orte und Institutionen das Nachsehen, denen das Sein wichtiger als der Schein ist, die es mit der radikalen Gesellschaftskritik noch Ernst meinen. So stehen zur Zeit zwei für das subversive Frankfurter Kulturleben zentrale Orte zur Disposition. Das Institutsgebäude, in dem sich seit 2003 das „Institut für vergleiche Irrelevanz“ (IvI), ein von Studierenden und nicht-studentischen Prekarisierten organisiertes Zentrum, das vor allem der Aufrechterhaltung authentischer kritischer Theorie in der Tradition Adornos dient, aber auch als Veranstaltungsort diverser nicht-kommerzieller Konzerte, Kunstevents und Partys, wurde von der Universität in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an den Frankfurter Investor mit dem passenden Namen „Franconofurt AG“ verkauft. Ähnlich erging es dem Kunstverein „Lola Montez“, dessen Gebäude nun einer ähnlich operierenden in Frankfurt ansässigen Immobilienfirma gehört und der bis Ende Mai ausziehen muss. Der Verteidigungskampf solcher Oasen des Seins inmitten des allgegenwärtigen Spektakels stellt, nicht nur in Frankfurt, einen der wichtigsten kulturellen Kämpfe gegen die universelle Subsumtion des Lebens unter die Verwertungslogik des Kapitals dar. Denn auch eine konkrete widerständige Praxis braucht Orte, an denen sie sich entwickeln kann – Orte, an denen andere Lebensentwürfe gelebt und entwickelt werden können, als sie von der herrschenden Logik gewollt sind.

Diese Kämpfe offenbaren freilich auch, wie schwierig es heute ist, dem postmodernen Kapitalismus effektiven kulturellen Widerstand entgegenzusetzen. Selbst „IvI“ und „Lola Montez“ ließen sich schließlich auch, wie in einigen anderen Fällen geschehen, als Teil der „Marke Frankfurt“ begreifen und als solche in die städtische Kulturpolitik integrieren. Die große Frage ist, ob das unter Beibehaltung ihrer inhaltlichen Substanz möglich und wünschenswert ist. Die Praxis wird dies zeigen. Nahezu dieselbe Problematik stellt sich auf der individuellen Ebene, zumindest für die Menschen, die in irgendeiner Form Teil des Kulturbetriebs sind: Lässt sich ein Lebensentwurf realisieren, der einerseits die Logik des Spektakels listig benutzt, um, wie prekär auch immer, materiell überleben und trotzdem einer Beschäftigung nachgehen zu können, die irgendwie mit den eigenen Zielen korrespondiert? Oder fordert diese Logik nicht eine so umfassende Identifikation des Selbst mit der gesellschaftlichen Rolle, dass eine Trennung von Schein und Sein kaum aufrechtzuerhalten ist? Es wäre eine völlig neuartige Form des kulturellen Klassenkampfs, an Orten wie dem „IvI“ oder dem „Lola Montez“ zu entwickeln, die genau diesen Konflikt als politischen kenntlich macht und in einen kollektiven transformiert – entgegen der herrschenden Tendenz zur Individualisierung solcher Konflikte und ihrer Scheinlösung in Selfmanagement-Kursen. Ein weiteres Problem ist hierbei, dass jenes Sein des Selbst, das es gegen den herrschenden Schein des Spektakels zu mobilisieren gälte, seinerseits zum einen selbst immer schon gesellschaftlich produziert ist, zum anderen die Konfrontation mit ihm ja keinesfalls angenehm ist. Die Sphäre des Scheins muss auch als Schutzraum verstanden werden, der, sauber und sicher, den „Abfall“ auf individueller wie sozialer Ebene fernhält und so eine Art künstliche Blase, der ökonomischen nicht unähnlich schafft, in dem es sich, bei genügend großer Bereitschaft zur Selbstverleugnung, ja in der Tat recht gut leben lässt, solange sie nicht platzt. Freilich verunmöglicht gerade jene Künstlichkeit strukturell eine echte Lösung der individuellen wie sozialen Probleme – doch wer ist an einer solchen „echten Lösung“ schon ernsthaft interessiert angesichts der ungeheuren Annehmlichkeit der vom gegenwärtigen Kapitalismus selbst noch für die Ärmsten bereit gestellten Konsummöglichkeiten? Und gerade die, die so prekär leben, dass ihnen auch „My Zeil“ und die Mainpromenade wenig hilft, finden erst recht keine Zeit und Kraft, sich neben der Bewältigung von Alltagssorgen noch politisch zu engagieren.

Vollends manifest wird die komplizierte Dialektik des gegenwärtigen Kapitalismus beim Verkauf von „Lola Montez“. Eigentlich wollte sogar die Stadt, für immerhin 10 Millionen €, das Gebäude erwerben, wurde jedoch überboten. Freilich nicht, um das „Lola Montez“ zu bewahren, sondern da, so Alfred Gangel, Leiter des städtischen Liegenschaftsamtes im Journal Frankfurt, „das Grundstück perfekt wäre, um im Bereich hinter der Konstabler Wache aufzuräumen.“ Das „Lola Montez“ könnte stattdessen unter die Erde wandern – in den alten U-Bahn-Schacht am Rossmarkt, der derzeit noch den Techno-Club „U 60“ beheimatet, der allerdings von der Stadt, dem der Schacht gehört, wegen angeblichen Drogen- und Gewaltproblemen Ende Juni geräumt werden soll. Diesem Ansinnen steht Gangel ebenso wohlwollend gegenüber – er wolle, zitiert ihn die Frankfurter Neue Presse, am Rossmarkt „schon auch noch ein paar Veranstaltungen haben“, um den Platz auch nachts zu beleben.

Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!“

So muss abschließend, bei aller Kritik, auch auf die progressive Rolle des Finanzkapitals verwiesen werden. Seine strukturelle Weltoffenheit sprengt ja tatsächlich bornierte Identitäten und schafft eine neue Form der kulturellen Integration, die durchaus auch angenehme Aspekte hat. Nazis und sonstige Extremisten gibt es in Frankfurt etwa kaum. Und eben die reichhaltige Kulturszene. Doch daraus kann ebenso wenig ein Lob folgen. Die „Weltoffenheit“ bedeutet ja gerade, einerseits abgeschirmte Oasen der Glückseligkeit, anderswo jedoch gerade schlimmstes Elend zu produzieren. Man muss sich vollends nur einen kurzen Moment lang ausmalen, was möglich wäre, wenn all die vom postmodernen Kapitalismus entfesselten Kreativtechniken nicht mehr für die Zwecke des Kapitals, sondern die Zwecke der Menschen benützt würden, um in schiere Verzweiflung zu geraten. Und auch, wenn es an Orten wie dem „IvI“ nicht immer einfach ist (die vorgeworfene „Verdrecktheit“ ist schließlich mitnichten bloße Herrschaftspropaganda – und auch sonstige soziale Konflikte, gerade zwischen studentischen und nicht-studentischen Nutzern, bleiben nicht aus, sondern werden hier gerade erst kenntlich), scheinen hier doch Ansätze eines anderen Umgangs mit individuellen wie kollektiven Konflikten auf, die auf eine völlig andere Ordnung der Dinge als die bestehende zumindest hinweisen. Der Kampf um ein authentisches Leben jenseits der Bilderwelten des Spektakels ist daher nicht zu Ende, er ist nur in eine neue Runde gegangen. Das „IvI“ zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es weder beansprucht, ein aus dem gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang quasi herausgerissener „Freiraum“ zu sein, an dem plötzlich alles anders als draußen wäre, noch an sonstige traditionslinke Ideologien anknüpft, sondern verkürzte Kapitalismuskritiken, deren Lieblingsgegner schon immer das Finanzkapital war, bewusst ausschließt. An diesen Kampf wäre anzuknüpfen. Für eine produktive Entfesselung der nicht-integrierbaren Kreativität und Spontanität der Individuen, für ein Ende der „Schein statt Sein“-Logik, für ein Zersprengen der Oberfläche!

Thiel Schweiger bloggt seit 2008 auf „La vache qui rit“ (http://lavache.blogsport.de) zu Popkultur, Frankfurter Lokalpolitik, Existenzphilosophie, Problemen des Marxismus u. v. m.

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