tanz auf dem vulkan

zeitschrift in der krise

Emanuel Kapfinger – Verheißung des Glücks und Verödung der Wirklichkeit

Über Befriedung und Befreiung in der Erlebniskultur

Die Menschen in den armen Ländern malochen wie verrückt für ein elendiges Überleben. Ungeheure Warenströme, Rohstoffe, Lebensmittel, Kleidung, High Tech fließen jährlich in die reichen Länder der Welt und sichern ihren Wohlstand. Damit der Warenstrom im Weltsystem des Geldes nicht versiegt, wird die globale Ordnung durch Kriege gesichert. Hunderttausende sterben jährlich durch Hunger und Gewehre. Die Gewalt des Kapitals regiert den Globus.

Aber die Waren unseres Wohlstands haben zunehmend schlechtere Qualität und sind kaum mehr die Basis für ein gutes Leben zu nennen. Wir werden beliefert, aber die Produkte bedeuten uns nichts, stellen nur mehr die Gegenstände eines passiven Konsums dar. Zur tätigen und sinnlichen Produktion unseres Lebens haben wir kaum noch einen Bezug, während wir uns in einem unaufhörlichen Zwang zu sinnentleerter, hochverdichteter Tätigkeit das Geld für einen schalen Reichtum verdienen.

Und doch hat das Leben auf der Sonnenseite des Kapitals einen ganz anderen Charakter. Während unsere Wirklichkeit verarmt, wird uns eine Erfüllung in unzähligen Erlebnissen angeboten, wir verwirklichen uns in flexiblen und autonomen Arbeitsverhältnissen, stimmen Familie und Beruf aufeinander ab, bekommen nicht bloße Konsumprodukte geboten, sondern Erlebniswaren, die das Leben mit unzähligen, kleinen und großen Glücksmomente bei ganz banalen Lebensmitteln erfüllen. So ist das Leben lebenswert. Es ist ein einziges großes Erlebnis, zwischen der Befreiung des iPod aus der tristen Einsamkeit, dem Chic der trendigen Klamotten und der Lebenserfüllung in Kind, Auto und Karriere. Es ist ein Spiel, das immer weitergeht, in dem man nicht verlieren kann. Wir in den reichen Ländern sind von Spektakeln umfangen, leben in unseren ganz eigenen Welten der happiness und der Selbstverständlichkeit des Wohlstands. Alles ist passend hergerichtet, alles ist an seinem Platz. Derweil wir gefrorene Hühnerbrust aus Afrika essen, laborieren wir an unseren Selbstbezogenheiten, Kränkungen, Beziehungsproblemen und breiten uns ausgiebig in Talkshows, Facebook und Klatschgeschichten darüber aus.

Doch während wir meinen, in einem Tanz und einem Rausch zu leben, den nichts stören kann, kocht unter uns bereits der Vulkan. Mit dem bröckelnden Kraterrand stürzen schon einige der Tanzenden in den Abgrund. Die Magma steigt bedrohlich. Der Ausbruch des Vulkans, der die Erde mit einem vernichtenden Glutregen überziehen wird, steht kurz bevor.

Die Krise des Kapitals reißt seit über einem Jahrzehnt Länder in den Abgrund und vernichtet anderswo die Existenzgrundlagen immer weiterer Kreise der Bevölkerungen. Um das System in der sich anbahnenden Verelendung am Leben zu erhalten, und die Masse der Menschen gefügig zu halten, hat sich ein globales autoritäres System, ein globaler „Ausnahmezustand“ (Giorgio Agamben) formiert, in dem die Menschen durch eine ebenso globale Erlebniskultur an der Stange gehalten werden, wie Babies an den Brüsten des Kapitals in einem passiven Zustand des Wohlbehagens und der Geborgenheit.

Tittytainment und der globale Ausnahmezustand

Hierzu formulierten Eliten die zynische Ideologie des „Tittytainment“ (Zbigniew Brezinski, ehemals Sicherheitsberater von Jimmy Carter) – daher das obige Bild. Tittytainment ist die Vorstellung, wie ein hohes Niveau zivilisatorischer Entwicklung und ein herausragendes Menschsein in Zeiten einer globalen Verwertungskrise und eines weitgehenden Ausschlusses der Massen von zureichenden Konsumtionsmitteln erhalten werden kann. Für Zivilisation und Menschenadel braucht es nämlich noch immer die, die schuften. Sie müssen weiter Anwendungsmasse für die Elite sein können. Wie Tiere in einem Zoo, in einem „Menschenpark“ (Peter Sloterdijk) sollen sie gefüttert werden, auf einem niedrigen, gerade noch ausreichenden Stand ihrer Lebensmöglichkeiten gehalten werden, und gleichzeitig mit einem umfassenden Tittytainment in dieser Welt der Sinnentleerung ruhiggestellt und für alles gefügig gemacht werden – eine Art totaler Psychopharmaka. Die Menschen werden zu Süchtigen gemacht, deren Begierde nach erfülltem, aktiven Sein betäubt und mit künstlichen Glücksgefühlen zugeschüttet wird. Sie werden so in eine existentielle Abhängigkeit zur kapitalistischen Konsumwelt gebracht, so dass sie sich dem Kapital verdingen müssen, um sich ihre tägliche Dosis, das tägliche Nuckeln an den Titten des Kapitals, leisten zu können.

Wie es der Käfighaltung entspricht, werden die Menschen aber auch durch Angst gefügig gemacht. Es wächst eine Gesellschaft einer tiefgreifenden, mal diffuseren, mal offensichtlicheren Kontrolle heran (bei uns etwa Hartz-IV-Kontrollen und -Zwangsmaßnahmen, digitale und Video-Überwachung, Polizeikontrollen). Für den Ausschuss dieser neuen globalen Konsumwelt bleiben dann nur mehr verwahrloste Ghettos und Slums, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat und deren Insassen er nur mehr mit militärischer Aufstandsbekämpfung begegnet. Die Tendenz zu einem nicht mehr nationalstaatlich fixierten, sondern globalen „Ausnahmezustand“ (Agamben) wird durch den Aufbau von Lagern für bestimmte Bevölkerungsgruppen komplettiert.

Formen der Erlebniskultur

Wer einen Nike-Schuh trägt, der trägt nicht bloß einen Schuh. Auch wenn der besonders komfortabel und gut gearbeitet ist. Darum geht es nicht. Was zählt, ist das Erlebnis von Sportlichkeit und Fitness, wie es das Nike-Logo symbolisiert. Doch was bedeutet einem dieses Erlebnis, wenn man nicht selbst sportlich und trainiert ist? Was bringt es, Sportlichkeit und Fitness als Erlebniswert hochzuhalten, wenn die reale Freude am Sport doch die spielerische Bewegung ist?

Die Erlebniskultur hat ganz unterschiedliche Formen. Hochfrequente substanzarme Kommunikation über Facebook und SMS ermöglicht das Erleben eines dichten Mit-dabei-Seins mit anderen. Das Tragen von durchgestylter Kleidung, aber auch das Gelesenhaben von Büchern oder das Gesehenhaben von Kinofilmen lässt unsern Wert im Ansehen der Andern steigen. Der Besuch eines Kinofilms oder eines Erlebnisbads lässt uns uns selbst vollkommen vergessen und in einem flüssigen Medium des Glücks aufgehen. Beim samstäglichen Shopping wird uns ein ungeheures Warenangebot serviert, das uns alle unsere Wünsche erfüllt, so dass wir uns in unserer aufregenden Macht als Konsumenten erleben können.

In der Erlebniskultur finden die Menschen Befreiung, Beglückung, Beisichsein, in jedem ihrer Momente hebt sie den Widerspruch im Wesen der Menschen auf. So verhält sie sich negativ gegen das Leben, in dem das Wesen unfrei, unglücklich, außer sich ist. Als ein schematisches Sinnbild kann die Erlebniskultur als die „Freizeit“ gegen die „Arbeitszeit“ abgesetzt werden, wobei nicht vergessen werden darf, dass heute gerade die Arbeit als Heimstätte unserer Selbstverwirklichung zu einem reichen Quell von Erlebnissen dient.

Entfremdung von der Lebenswirklichkeit

Im Erleben befinden wir uns in einer enthobenen, von unserem Leben getrennten Sphäre. Diese Sphäre scheint uns aber als das, worauf es wirklich ankommt, und eben nicht der bloß schnöde Alltag. Erleben ist uns ein unbedingter Wert, es geht uns dabei einzig um es selbst, nicht um noch etwas anderes. Nichts außer ihm hat Bedeutung. „Das Spektakel stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität dar.“ (Guy Debord)

Aber das Erleben ist nicht das wirkliche Leben. Eigentlich gibt es nichts, was nur um seiner selbst willen gültig ist. Alles in unserem Leben steht immer neben anderem, das auch wichtig ist. Es besteht aus einer Vielfalt von Gefühlen, Bedürfnissen, Beziehungen, Handlungen. Die Sucht des Erlebens setzt sich aus dem heraus und postuliert sich als einzigartiges. Durch sie werden wir von unserem Leben beständig getrennt, und es wird von diesen Erlebnissen beherrscht. Wir sind auf merkwürdige Weise durch etwas innerhalb unseres Lebens selbst von unserem Leben getrennt.

Aber obwohl wir dem Leben beständig in die Welt der Spektakel entfliehen, wo das Leben die Sorgenfalten auf seiner Stirn verloren hat, sind wir noch immer die Gleichen, die ein Leben mit Arbeit, Überlegung, Normalität führen müssen.

Gerade weil das Erleben so absolut steht, ist sein Inhalt auch sehr beliebig. Was da erlebt wird, ist eigentlich immer nur durch die bloße Form des Erlebens bestimmt, als Erleben sei es eines angehimmelten Stars, sei es des Gefühls, „auf der Höhe der Zeit“ und „dabei“ zu sein, sei es einer Potenz zum eigenen Erfolg. Dem Bedürfnis des Erlebens ist der Inhalt gleichgültig. Das Erleben selbst ist abstrakt und inhaltsleer. Obwohl es so einen überschießenden Reichtum in sich zu tragen scheint, ist es im Grunde armselig, und obwohl wir uns darin befreit und bei uns selbst wähnen, sind wir im Grunde unfrei, weil es nichts gibt, was im Erlebnis zu gestalten wäre – denn es braucht nichts außer sich und kann daher auch nichts aufnehmen. Gegenüber dem wirklichen Leben erscheint das Erleben denn auch immer wieder als nichtig, eben weil es abgeschlossene und unbezogene Sphäre ist, und daher als absurd, weil es sich in einem einzigartigen Reichtum präsentiert und doch im Grunde sinnlos ist.

Die Erlebniskultur entfremdet uns von unserem wirklichen Leben. Sie ist in sich einseitig und öde, sie überdeckt unser Leben, lässt es als unbedeutsam erscheinen und verschließt uns so gegen uns selbst. So wird sie auch repressiv gegen uns, da wir zu ihren Gunsten auf so vieles verzichten lernen. Und das alles, obwohl sie selbst an und für sich nur allzu sinnlos ist.

Gegen die Erlebniskultur ist die Wirklichkeit das Nichts, sie ist unbedeutsam und leer. Wäre sie die Wirklichkeit, so wäre das Leben nichtig. Wird umgekehrt offensichtlich, dass man jenseits der Wirklichkeit gelebt hat, in bloßen Scheinwelten, stürzt einen das in tiefe Abgründe. Das ganze bisherige Leben erscheint als falsch und sinnlos – man hat sich gar nicht um sich selbst gekümmert, sondern nur um Bilder vom wirklichen Leben. So dehnt sich unter der ungeheuren Vielfalt unseres Lebens ein gähnendes Loch innerer Leere. Fällt der Schein plötzlich weg, trifft einen die Wirklichkeit mit brutaler Gewalt und wirft einen in ein auswegloses Nichts, ein Leben, das keinen Sinn hat und nicht wert ist, gelebt zu werden.

Kulturindustrie und die Produktion der Kulturwaren

Diese Erlebniskultur ist als gigantische Kulturindustrie um uns herum aufgebaut, die uns mit unzähligen Konsumprodukten, Kino, Musik, Tourismus, Bekleidung, versorgt und sich in allem, dem Städtebau, der Inneneinrichtung, den Medien und so fort einnistet und es beherrscht. Kultur wird zur allumfassenden Ware. Aber Kultur als Erlebnisware gibt es nicht einfach deswegen, weil nur so Kultur vermarktbar würde. Die Erlebnisware beutet vor allem unsere Not, erleben zu müssen, um das Leben aushalten zu können, aus. Wie jedem Bedürfnis, so werden auch diesem die Gegenstände in Warenform angeboten. Und das betrifft mittlerweile jedes Gut: Es gibt heute keine Güter mehr, die einfach nützlich sind. Im Grunde ist jedes Unternehmen heute ein Kulturunternehmen, das durch eine spezielle und nur bei ihm erhältliche Ästhetik die Menschen bindet, und dafür ganze Lebens- und Gefühlswelten kreiert, in denen die Menschen heute noch ein Leben fristen können.

Gerade in Zeiten der ökonomischen Krise, in der die Massenkaufkraft einbricht und die Unternehmen in großem Maßstab auf ihren Warenmassen sitzenbleiben, ist die ästhetische Aufladung der Waren von besonderer Bedeutung. Waren werden mit immer intensiveren Reizen ausgestattet, um die Konsumenten von ihrer einzigartigen Relevanz zu überzeugen. Der Konkurrenzkampf der Unternehmen um Absatz wird als Kampf um die effektivsten Reize, die ästhetische Bindung der Konsumenten an Unternehmen (vgl. iPod, H&M), um den Aufbau von Kulturszenen, die von einem bestimmten Produktsortiment abhängig sind, ausgetragen. Daher der unerträgliche und zunehmende Lärm der Werbeplakate, Illustrierten, Fernsehsendungen.

Der Grund der Erlebnisnot im kapitalistisch bestimmten Alltag

Die Erlebniskultur hat ihren wesentlichen Grund in den kapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen, in denen der Verkehr der Menschen immer durch Geld bestimmt ist und unter fremdem Kommando steht. Die Not des Erlebens entsteht uns unaufhörlich aus unserem Alltag selbst. Es ist die Verödung des Alltags, zu dessen Bereicherung die Muße, die Fähigkeiten und die finanziellem Mittel fehlen – ebenso wie die Verödung der ärmeren Stadtviertel. Es ist der zwischenmenschliche Kontakt, der vom Gewicht seiner Funktionalität belastet wird. Genau dieselbe Funktionalität macht den Kontakt einseitig und stressig. Es ist auch die Arbeit, die überwiegend monoton und einseitig ist, die abstumpft und die Menschen innerlich leer macht. Es ist die Schule, in der man abstraktes Wissen lernen muss. Es ist auch der Familien- oder Beziehungsalltag, der von Reibungen geprägt ist. Es ist die Ohnmacht, aus unserer Misere auszutreten und über uns selbst zu bestimmen. Die kapitalistische Welt ist eine Gewalt gegen den Menschen, die ihm seine Sinne raubt, die ihm das Auge für die Kunst ausreißt und das Ohr für die Musik abschneidet.

Analytischer betrachtet hat die Not des Erlebens zwei unterschiedliche Gründe, der eine betrifft die qualitative und zeitliche Form unseres Lebens, der andere die Form unserer Beziehungen. Durch die fortgesetzte Verarmung unserer Sinnlichkeit, bei gleichzeitiger einseitiger Überbeanspruchung entsteht eine Leere und Auslaugung und dadurch ein roher Hunger nach Sinnlichkeit, nach einer Erregung unserer Gefühlsleere. Zum andern befinden wir uns in einer Vereinzelung und Trennung von den anderen Menschen und von den Dingen der Welt, und gleichzeitig damit in einer abstrakten, das heißt einseitigen und funktionalen Beziehung zu ihnen. Das schafft das Bedürfnis nach dem Erleben eines vereinzelten, von andern getrennten Selbstwerts und einer vollen, ungehinderten Gemeinschaft mit den andern.

Diese so entstehenden Sehnsüchte können freilich nie erfüllt werden. Wir leben sie ästhetisch aus, in einem „Als-ob“ der Freiheit und des Glücks. Es ist im Erlebnis so, „als ob“ wir frei und glücklich wären. Die Erlebniskultur ist eine bloß ästhetische Aufhebung der Widersprüche unseres Lebens, in ihr fliehen wir aus der realen Not unseres Lebens in eine ästhetische Lebensform. Je öder und funktionaler unser Leben ist, desto absoluter muss das Glück des Erlebnisses sein. Je mehr das Erlebnis in sich alles ist und für sich allein steht, desto leichter kann in ihm dem Negativen des Lebens entflohen werden und desto unbedeutsamer kann es gegenüber dem Erlebnis werden. Das Erlebnis muss Glück bieten, obwohl es zugleich kein reales Glück bieten kann. Deshalb muss es jede Beziehung auf reale Bedürfnisse auslöschen.

Befriedung und Abkapselung der Menschen und ihre radikale Entpolitisierung

Die Erlebniskultur ist eine augenblickliche Befreiung, die aber zugleich, weil sie bloß ästhetisch ist, keine wirkliche Handlung ist, sondern die Verhältnisse praktisch affirmiert. Sie resultiert aus der Not der Menschen nach Emanzipation, aber sie flieht ins Innere. Die Erlebniskultur hat damit zugleich eine Befriedungsfunktion in unserer Gesellschaft, weil sie die aus den Ängsten und der kulturellen Ödnis resultierenden Veränderungsbestrebungen in ein ästhetisches Handeln ableitet.

Die Erlebniskultur verhindert, dass die Menschen ihrer eigenen Situation gewahr werden. Sie übertüncht gewissermaßen die Tristesse der Wirklichkeit mit grellen Farben. Die eigene Begierde und reale Probleme sind dann nicht mehr sichtbar. Das Wirkliche ist nun der Schein, und alles außerhalb bloß kleinlich. Es ist angesichts des wirklichen Elends viel leichter, in die Welt der „happiness“ einzutauchen und in einen gedankenleeren Rausch zu versinken, als sich immer mit seinen Nöten zu konfrontieren, gegen die man eh nichts tun kann.

Alle Sinne der Menschen sind gefangen in einer befriedenden Welt der Erlebnisse, und damit zugleich von sich selbst ausgesperrt und abgekapselt. Die Tragik der Erlebniskultur ist, dass die Not, die die Menschen dort zu überwinden suchen, von ihr nicht überwunden werden kann, und zugleich unsichtbar und unspürbar wird. Die Erlebniskultur verschließt die Menschen gegen sich selbst, hindert sie an der Wahrnehmung ihrer Gespaltenheit und Leere und damit auch, die eigene Not zu begreifen zu suchen. Ein Selbstverhältnis der Menschen, in dem sie sich in ihrer Not verstehen, in dem sie die objektiven Gründe für sie verstehen und zuerst mal ihrer Bedrängtheit praktisch widerstehen, ist so unmöglich. Auch Politik und der Reigen der Ökonomie können so nur als Teil eines Spektakels wahrgenommen werden, der weit außerhalb seiner selbst und unbeeinflussbar sich herumwälzt. Sie können nur rein positiv, als neue Form von Naturereignissen und Naturgewalten, wahrgenommen werden. Nach ihren Gründen, Verhältnissen und den Menschen, die in ihnen leben und entscheiden, kann so nicht mehr gefragt werden.

Die Erlebniskultur existiert nicht nur in Ausnahmezuständen außerhalb des Alltags. Sie ist permanent und überall, und sie verlässt uns nicht. Es kann zwar Phasen geben, in denen wir keine Erlebnisse haben oder brauchen, aber oft ist auch der schnödeste Alltag mit Erlebnissen angefüllt, die insofern nichts Besonderes sind und sich gleichwohl gegen unsere Lebenswirklichkeit abheben. Natürlich können wir uns auch gegen Erlebnisse wehren oder sie suchen, andererseits jedoch kann die Erlebniskultur selbst kontinuierlich sein, so dass wir in einem beständigen Glückszustand schweben, in dem wir von Erlebnis zu Erlebnis eilen.

Das ist die Vollendung der Erlebniskultur: Das Ausnahme-Leben, das zur Normalität geworden ist, das gleichzeitig das Leben geworden und hoch über es erhoben ist, ein transzendenter und abgehobener Glückszustand, gewissermaßen eine Erlösung im Diesseits, die alles ins gleißende Licht Gottes taucht. „Das Spektakel ist die Sonne, die in dem Reich der modernen Passivität nie untergeht. Es bedeckt die ganze Oberfläche der Welt und badet endlos in seinem eigenen Ruhm.“ (Guy Debord)

Die Erlebniskultur ist der maßgebliche Grund für die Entpolitisiertheit der Menschen heute und für das Ausbleiben von Widerstand. Wir entkommen ihr nur, wenn wir gleichzeitig mit unserem Widerstand gegen Politik und Kapital eine eigene Kultur entwickeln, die die Kultur einer neuen Gesellschaft sein muss.

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