tanz auf dem vulkan

zeitschrift in der krise

Katharina Hajek / Benjamin Opratko – Hat die Krise ein Geschlecht?

Die herrschende Krisenpolitik führt zu einer Verschärfung und Verstärkung neoliberaler Geschlechterungleichheit. Die geschlechtsspezifischen Krisendynamiken zeigen das deutlich.

Alles scheint in der Krise zu sein. Vom Euro über das Klima bis zur Demokratie reicht die „multiple Krise“, von der vielerorts gesprochen wird. Wie sieht es da mit den Geschlechterverhältnissen aus? Wird die neoliberale Geschlechterordnung, wie wir sie seit 20 Jahren kennen, gegenwärtig verfestigt, transformiert oder aufgebrochen? Wie wirken sich ökonomische Krisenprozesse in Europa und deren politische Bearbeitung durch Nationalstaaten und EU auf geschlechtliche Arbeitsteilung, androzentrische1 Politikformen und heteronormativ2-sexistische Diskurse um Familie aus?

Bereits unmittelbar nach Ausbruch der Krise wurde deutlich, dass der scheinbar geschlechtsneutrale „Katastrophenschutz“ der europäischen Staaten geschlechtsspezifische soziale Ungleichheiten massiv verschärfte. So stellten feministische Analysen fest, dass die kurzfristig beschlossenen Konjunktur- und Bankenrettungspakete vor allem auf die Sicherung männlicher Arbeitsplätze abzielten. In Deutschland konnte dies etwa an der „Abwrackprämie“ sowie an öffentlichen Investitionen in Infrastrukturprojekten beobachtet werden, durch die überwiegend männliche Arbeitsplätze in der Automobil- und Bauindustrie gesichert wurden. Gleichzeitig wurde beispielsweise das Versandhaus Quelle, in dem vorwiegend Frauen beschäftigt waren, für nicht systemrelevant erklärt und in den Konkurs geschickt. Die Kurzarbeit als zentrales Instrument dieser ersten Phase der Krisenbearbeitung stand zudem per definitionem nur Beschäftigten mit Vollzeitstellen – d.h. ebenfalls in großer Mehrheit Männern – zur Verfügung und wurde darüber hinaus zum überwiegenden Teil von traditionell männlich besetzten Branchen in Anspruch genommen.

Die geschlechtsspezifischen Krisendynamiken

Inzwischen wurde die Finanz- und Wirtschaftskrise von den Herrschenden erfolgreich in eine Staatsschuldenkrise umgedeutet. Statt alternative wirtschaftspolitische Entwicklungsstrategien und die Regulierung von Finanzmärkten zu diskutieren, scheint es nun nur mehr ausschließlich darum zu gehen, möglichst effektiv Staatshaushalte zu kürzen, um die Standorte im globalen Wettbewerb für das Kapital wieder attraktiv zu machen. Damit wird auch aus geschlechterpolitischer Perspektive eine neue Phase der Krisenbearbeitung eröffnet. Unter dem Spardiktat der zunehmend autoritär durchgesetzten Austeritätspolitik in Europa können vier Dimensionen geschlechtsspezifischer Krisendynamiken identifiziert werden.

Erstens fallen den rigiden Sparmaßnahmen in der öffentlichen Infrastruktur (Bildung, Kinderbetreuung, Pflege, Gesundheit…) überwiegend weibliche Arbeitsplätze zum Opfer. Die beobachtbare Ausweitung von Teilzeitarbeit und prekarisierten Anstellungsverhältnissen führt zudem dazu, dass mehr Frauen Formen der Lohnarbeit nachgehen, mit denen sie nicht vor Armut abgesichert sind. Diese Arbeitsverhältnisse sind als Zuverdienerinnen-Jobs konzipiert, die ein (männliches) Familieneinkommen unterstützen sollen, und nicht als Formen der eigenständigen Existenzsicherung. In Konsequenz wird auch die Abhängigkeit von Frauen innerhalb hetero-patriarchaler Familienverhältnisse verstärkt, was sich nicht zuletzt im gegenwärtig alarmierenden Anstieg häuslicher Gewalt niederschlägt.

Zweitens führen staatliche Kürzungsprogramme im Sozialbereich dazu, dass vormals öffentliche Dienstleistungen zunehmend privat organisiert und erbracht werden müssen. Die „Privatisierung der Reproduktionsarbeit“ bedeutet, dass etwa die Pflege von älteren Menschen oder die Betreuung von Kleinkindern in Konsequenz wieder vermehrt unbezahlt und fast immer von Frauen im Haushalt erbracht wird. Prekarisierung, Arbeitslosigkeit und Lohneinbußen verstärken diesen Trend massiv. Wenn seltener im Restaurant gegessen werden kann, muss öfters gekocht werden; wird neue Kleidung zu teuer, wird wieder gestrickt und die Socke gestopft, üblicherweise ebenfalls von Frauen. Im neoliberalen Krisenlabor Griechenland verschärft sich diese Reproduktionskrise aktuell bis aufs nackte Leben, wenn Schulkinder vor Hunger vom Stuhl fallen und 250.000 Menschen pro Tag von der orthodoxen Kirche in Suppenküchen versorgt werden müssen.

Mit der Privatisierung von Reproduktionsarbeit ist drittens auch eine kulturelle und symbolische Aufwertung von Privatheit und Familie verbunden. In der Kulturindustrie der Krise wird Geborgenheit, Sicherheit und die wohlige Wärme sozialer Nahverhältnisse zum Ziel des guten Lebens erklärt. In diesen Diskurs fügen sich Myriaden von „Doku-Soaps“ im deutschsprachigen Fernsehen, in denen es um die Einrichtung, Renovierung oder Neugestaltung der eigenen vier Wände geht. Die omnipräsenten Kochsendungen und Super-Nannies werden dabei zunehmend und nicht zufällig von Schuldnerberatungen, Messie-Therapien und der Begleitung von Ordnungshütern ergänzt. Kulturell wird so das Familienheim – und mit ihm die patriarchale Kleinfamilie – als Schutzraum in krisenhaften Zeiten propagiert und im Alltagsverstand verankert.

Viertens schließlich geht mit der zunehmend undemokratischen bis offen autoritären Durchsetzung europäischer Krisenpolitiken – besonders in der „EU-Peripherie“ in Griechenland und Italien – auch eine Verstärkung männerbündischer Politikformen einher. In der von der Troika eingesetzten „Expertenregierung“ Italiens finden sich gerade drei Ministerinnen, in jener Griechenlands überhaupt nur eine einzige. Dabei geht es nicht nur um die „Bemanntheit“ der autoritären Staatsapparate; generell verlagern sich Entscheidungsfindungsprozesse auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene zunehmend auf intransparente und kaum kontrollierte Gremien, in denen männerbündische Strukturen und Dynamiken eine Renaissance erleben.

Die neoliberale Geschlechterungleichheit verstärkt sich

In der Gesamtschau kann somit eine Vertiefung und Verschärfung neoliberaler Geschlechterungleichheit durch die herrschende Krisenpolitik konstatiert werden. Die Privatisierung von Reproduktionsarbeit und die Prekarisierung vor allem weiblicher Beschäftigungsverhältnisse verbinden sich hier mit einer Remaskulinisierung von Politikformen und einem alltagskulturellen Neokonservativismus.

In aktuellen Krisenprotesten wird dieser zentrale Gesichtspunkt zu selten unter feministischen Vorzeichen thematisiert. Zugleich jedoch liegt die Chance darin, dass nicht nur Prekarisierung und Entdemokratisierung skandalisiert werden; vielmehr entstehen in der Praxis der Aneignung öffentlichen Raums solidarische und potenziell geschlechterdemokratische Organisationsformen von Reproduktionsarbeit und der männerbündischen Troika-Politik werden direkt radikaldemokratische und mithin feministische Politikformen entgegen gesetzt.

Katharina Hajek und Benjamin Opratko unterrichten am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und sind langjährige Redakteure der Zeitschrift Perspektiven – Magazin für linke Theorie und Praxis (Wien). (Katharina Hajek ist Mitherausgeberin des Sammelbandes Que[e]r zum Staat. Heteronormativitätskritische Perspektiven auf Staat, Macht und Gesellschaft (im Erscheinen) und Benjamin Opratko hat zuletzt das Buch Hegemonie. Politische Theorie nach Antonio Gramsci veröffentlicht.)

1 Androzentrismus bezeichnet eine Sichtweise, in der das Männliche als Norm- und Maßstabgebend gilt (Anm. d. Red.).

2 Unter Heteronormativität wird die normative Vorherrschaft von Heterosexualität und der damit einhergehenden Vorstellung einer rein biologisch bestimmten Zweigeschlechtlichkeit verstanden (Anm. d. Red.).

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