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Editorial – Zur Krise

Zur Krise!

Viele Menschen in Deutschland wissen mehr, als die Medien zu verschleiern versuchen: Alles deutet darauf hin, dass wir in folgenschweren Zeiten leben. Wir durchleben die größte Krise des Kapitalismus seit 1929. Und bisher haben diese im Kapitalismus im Abstand von etwa 60-80 Jahren ausbrechenden Weltwirtschaftskrisen – deren untrüglicher Vorbote ein sich grenzenlos aufblähender Finanzsektor ist – immer zu enormen gesellschaftlichen Umwälzungen und Katastrophen geführt.

Der „routinemäßige“ kapitalistische Akkumulationsprozess – global gesehen selbst ein permanenter Kriegs- und Ausnahmezustand – ist ins Stocken geraten. Die mit ihm einhergehenden Probleme sind in die Zentren des kapitalistischen Weltsystems zurückgekehrt. Unerhörte Summen mussten aufgebracht werden um Banken und die Finanzmärkte vor dem unmittelbaren Zusammenbruch zu bewahren. Der Preis dafür war die unglaubliche Verschuldung der als Retter einspringenden Staaten auf den damit geretteten Finanzmärkten. Als Resultat drohen nun jedoch die anfallenden Zinsen wiederum die Staaten in den Bankrott zu treiben.

Dabei basiert dieser nicht trennbare Komplex aus Staat und Finanzwirtschaft zu einem immer größeren Teil auf Geldbeträgen, denen seit den 90er Jahren zunehmend der Bezug zu irgendeiner gegenwärtigen industriellen Produktion abhandengekommen ist. Die exorbitanten Summen an angehäuftem Kapital, die ungefähr den unglaublichen Beträgen an Schulden entsprechen, sind zum Großteil Fiktion: Die Verpfändung zukünftig zu erwirtschaftenden Reichtums und deren Verselbständigung auf den Finanzmärkten.

In der wirklichen gesellschaftlichen Entwicklung hingegen zeigt sich im Zuge der Krise die Absurdität dieses Wirtschaftssystems noch deutlicher als sonst: Weil zu viele Häuser gebaut wurden, werden die Menschen in den USA und Spanien obdachlos. Weil es einen Überfluss an Produktionsmitteln und Kapital gibt, verelenden immer größere Teile der Bevölkerung, ohne die Möglichkeit zu haben, sich durch Betätigung ihrer Arbeitskraft aus dem eigenen Elend zu befreien.

Enttäuschung!

Regelmäßigen Beschwichtigungen der Politik und Medien, dass das Schlimmste in dieser Krise überwunden sei, folgt ebenso regelmäßig das bittere Erwachen. Dabei zeigt diese beständig wiederkehrende Enttäuschung über die ‚Rückkehr‘ der Krise allein, dass man sich bisher wohl getäuscht hatte: Tatsächlich war die Krise nie weg. Denn der Kapitalismus löst seine Probleme nicht – er verschiebt diese nur: von einer Region zur anderen und von einem Sektor zum nächsten. Wenn aber die Probleme nicht gelöst werden, heißt das, dass sie sich in Wahrheit nur immer weiter aufstauen.

Krisen sind Momente der Zuspitzung, in denen das Fortbestehen grundlegender Elemente einer Ordnung auf dem Spiel steht. Auch im Kapitalismus helfen Verschiebung und Verdrängung nicht ewig. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass, wenn die kapitalistische Ordnung für den Moment an unüberwindbare Grenzen stößt, die herrschenden Mächte nicht davor zurückschrecken, ihre Interessen auf immer autoritärere Weise durchsetzen zu lassen. Koste es was es wolle!

Und tatsächlich zeigt sich deutlich, dass in der Peripherie Europas angeblich demokratische Staatsapparate immer offener die Interessen einer kleinen Schicht auch gegen den massiven Widerstand der eigenen Bevölkerung durchsetzen. Sinnbild dafür ist die Entwicklung, dass man in Griechenland Polizisten nun offiziell mieten kann – sofern man es sich leisten kann.

Vieles deutet also darauf hin, dass wir erneut auf einen Scheideweg zuschreiten: Überwindung der zentralen ökonomischen Unterdrückungsverhältnisse und Aufbruch zu einer egalitären und freien Gesellschaft – oder immer ungezügeltere Barbabarei!

Emanzipation statt Schicksal!

Verstehen wir die Krise als eine Fehlentwicklung des Kapitalismus, die innerhalb dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu beheben ist? Oder verstehen wir sie als systematische Folge eines inhärent widersprüchlichen und absurden Systems?
Die gesellschaftliche Bedeutung der Krise liegt auch an uns: Ein allgemeines Bewusstsein der Systemimmanenz der Krise muss hergestellt werden.

Die kapitalistische Produktionsweise setzt zerstörerische Kräfte frei, die innerhalb ihrer selbst nicht mehr kontrollierbar sind. Nur gemeinsam, durch kollektives Handeln, durch wirklich politische Prozesse, die darauf abzielen, die grundlegenden Unterdrückungsstrukturen zu überwinden, können wir auf eine Gesellschaft hinarbeiten, deren Ziel es ist, dass alle Menschen gleichermaßen ihr Leben selbst bestimmen können.

Aber um die Möglichkeit zur Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse zu haben, müssen die gesellschaftlichen Dynamiken auch verstanden werden. Mit den hier versammelten Beiträgen hoffen und versuchen wir, daran mitzuwirken.

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