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Ignatius Tremor: „Postsozialismus“

Das letzte der fehlenden Gedichte. Der im Umkreis von Frankfurt lebende Dichter Ignatius Tremor ist per E-Mail direkt zu kontaktieren via

ignatius.tremor [at] googlemail.com

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Postsozialismus

Eines Morgens, irgendwo im Osten:

Träge und fett geht die Sonne auf,

dampfende Felder, voll Strommasten und Ruinen,

stützen ihre Strahlen bis zum Mittag –

dann sehen wir weiter.

„Denn zuerst, meine Brüder und Schwestern,

wollen wir ruhig sein. Keine Plackerei!“

Rufe ich über den Dorfplatz.

Denn auch Marx war Ästhet, nicht Asket,

vor einer Ewigkeit.

Amen.

Ignatius Tremor: „Mittags, halb 3 „

Hier nun das erste der beiden fehlenden Gedichte von Ignatius Tremor:

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Mittags, halb 3

Staubstürme wüten mittags in den Straßen,

sie wirbeln welke Blätter, kleine Kinder, Altpapier.

Die Sonne blitzt mit träger Herbstesmasse auf der Menschen Angesichter –

gerötet, wie sie sind. Der Druck der Zivilisation, er lastet schwer.

 

Verwirrte Greise sitzen auf der Bank und reden,

allein mit ihren Augen schweigen sie:

Von einem grauen, angefüllten, suchtdurchsetzten Arbeitsleben,

das dort begann, hier endete es nie.

 

Und über all den Menschen in den Straßen,

in den Fabriken, unterm Staub des letzten Mittagssturms,

spannt sich ein blauer Himmel, ein Versprechen ohne Maßen,

unmerkliche Präsenz der fast vergessnen Utopie.

 


						
					

Pjotr G. Distelkranz: „Variationen über das Wort ‚Krise‘ „

Auch den besten passieren Fehler. So fehlen in dem gedruckten Heft drei Gedichte von Pjotr G. Distelkranz und Ignatius Tremor, die ursprünglich in das Heft rein sollten, beim hektischen Endlayout jedoch unter den Tisch fielen. Sie sollen nun zumindest auf der website veröffentlicht werden. Den Beginn macht Pjotr G. Distelkranz‘ speziell für die Zeitschrift produzierte Arbeit Variationen über das Wort „Krise.

Die Redaktion wünscht eine gleichermaßen unterhalt- und lehrsame Lektüre.

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Variationen über das Wort „Krise“

Oh Liese,

wie hab’ ich diese

globale Finanzmarktkrise

satt.

Auf den Devisen-

märkten steigen die Miesen

riesen-

haft.

Und die Menschen,

speziell die Griechen

siechen.

Doch auf den Wiesen

die Primeln

sprießen,

Fortunen Blüten vergießen

auch in dieser

tristen

Stadt.

Wüssten doch die fiesen

miesen

Krisen-

macher um die sieben

Tore und das siebte

Siegel

aus Achat.

Wären dann die Fliesen

zum bespiegelnden

bespielen

nicht

so hart?

Wie könnt’ ich diesen

Lauf auf Spießen

nur je genießen?

Sag!

Darum laute die Devise:

„Krise“

kommt von „kiesen“!

Krieche,

fließe

oder fliehe,

jedenfalls: siehe,

die Krise

findet

statt.

Ich begrüße

sie beflissen,

doch ohne Liebe,

matt,

statt-

dessen begieße

ich die Sitze

des Krisen-

tums mit Diesel

und brennendem Phosphat.

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