tanz auf dem vulkan

zeitschrift in der krise

„Full Version“ von „Tanz auf dem Vulkan“ als Online-Ausgabe

Wie an anderer Stelle ja bereits geschrieben, haben sich in die Print-Ausgabe unseres Heftes einige Fehler eingeschlichen, es fielen sogar einzelne Beiträge weg. Diese wurden nun in der digitalen Version der Zeitschrift, die unter dem Link „Zeitschrift digital“ einsehbar ist, weitgehend korrigiert.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht,
die Redaktion

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Bildungsstreik als kollektive Verweigerung von Studienleistungen?

Die Frankfurter Campus-Antifa führte mit Emanuel Kapfinger ein Interview über die Aktionsform eines tatsächlichen Bildungsstreiks, die er in seinem Beitrag „Zur Strategie des Studierendenprotests in der gegenwärtigen Krise des Kapitals“ in der Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“ vorgeschlagen hatte. Dieser Vorschlag geht davon aus, dass nur mit der kollektiven Verweigerung von Studienleistungen ein größerer materieller Druck auf die Bildungsinstitutionen ausgeübt werden könnte, was es erlauben würde. Die Campus-Antifa befragte Emanuel Kapfinger bezüglich der Details sowie einiger Schwierigkeiten, die sie bei der Umsetzung sieht.
Das Interview ist ursprünglich im Semesterguide der Campus-Antifa (siehe http://campusantifa.blogsport.de) für das Wintersemester 2012/13 erschienen.

Bildungsstreik als kollektive Verweigerung von Studienleistungen?
Strategische Überlegungen für die Zukunft des Studierendenprotests
Gespräch mit Emanuel Kapfinger

Gab es einen besonderen Anlass für Deinen Text? Womit beschäftigt er sich?
Ja, der Anlass war zum einen unsere Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“, die wir für die Krisenproteste im Mai 2012 erarbeitet hatten. Vom Thema der Zeitschrift her – der Wirtschaftskrise – sollte der Text die Auswirkungen der Krise auf die Studienbedingungen analysieren. Wir gingen dabei davon aus, dass die Wirtschaftskrise ein allgemeines Phänomen ist, das unser gesamtes Leben in den nächsten Jahren entscheidend verändern wird. Emanzipatorische Politik in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen, also auch Hochschulpolitik, muss sich daher auf die Krise beziehen und selbst zum Teil des Krisenprotestes werden.
Zum andern ging es mir aber darum, auf eine Strategieänderung in den Studierendenprotesten selbst hinzuwirken: Deren politisches Ziel ist im Moment die Bildung als Selbstzweck, ein Studium, das zweckfrei ist, von eigenen, kulturell wertvollen Wissensinteressen ausgeht und die ganze Persönlichkeit entfaltet. Der Slogan der Bewegung ist ja: „Bildung ist keine Ware“. Ich trete für etwas anderes ein: Studierende müssen als Proletarierinnen begriffen werden und die Bewegung nicht auf freie Bildung, sondern die Emanzipation der Ausbildung für Arbeit ausgerichtet werden. Also nicht gegen Arbeit, sondern für eine andere Arbeit. sowie die Aufnahme weiterer sozialer Themen, vor allem Wohnen und Jobben.
Diese Forderung nach der Richtungsänderung ist zweifach strategisch begründet: Zum einen ist der Bildungsidealismus heute schlicht unrealistisch geworden, wenn man nicht auf ein ganz elitäres und exklusives Modell von Universität hinaus will. Der Studierendenprotest nimmt die Verhältnisse des gegenwärtigen Kapitalismus, namentlich die Krise nicht zur Kenntnis. Außerdem glaube ich, dass das Ideal der zweckfreien Bildung nicht mehr für eine politische Mobilisierung geeignet ist, weil die allermeisten Studierenden ihr Studium von vornherein nur auf zukünftige Arbeit beziehen und es als Ausbildung verstehen. Wenn man das in die Kritik hineinnimmt und die Probleme des Studiums von seiner Funktion für die kapitalistische Arbeit her aufzeigt, dann, denke ich, könnte eine breitere politische Mobilisierung der Studierenden möglich werden.

Du erläuterst in deinem Artikel den Zusammenhang zwischen dem Wandel kapitalistischer Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten und dem gleichzeitigen Wandel der Hochschulen und den daraus resultierenden Auswirkungen auf das Studium. Wie stellt sich dieser Zusammenhang für Dich dar?
Ja, ich sehe die gegenwärtigen Probleme der Studierenden in der Krise des Kapitals begründet, die sich seit den 70er Jahren immer mehr zuspitzt und sich seit Ende der 90er weltweit in Zusammenbrüchen einzelner Wirtschaften sowie gegenwärtig in kurz aufeinander folgenden globalen Crashs manifestiert.
Ich analysiere den Zusammenhang folgendermaßen: Zum einen gehen mit der Krise ein geringeres Steueraufkommen und gleichzeitig höhere Staatsausgaben einher. Dies lässt die Staatsverschuldung steigen und zwingt den Staaten eine gegenwärtig immer radikalere Sparpolitik auf. Dies betrifft auch die Hochschulen und äußert sich dort u. a. in Mittelknappheit bezüglich Räumen und Lehrenden, der Einführung von Studiengebühren und einer gewaltsamen Verkürzung des Studiums, d. h. im Bachelor.
Zum andern stehen im Zuge der Krise die Renditen der Unternehmen seit Jahren unter starkem Druck. Um die Unternehmen in dieser Lage zu unterstützen, müssen die Staaten daher möglichst günstige Wirtschaftsbedingungen schaffen, was sich z. B. in den letzten Jahren im Zwang zur Arbeit durch Hartz IV oder der weitgehenden Lockerung des Leiharbeitsrechts ausdrückte. Weil die Wirtschaft in den Industriestaaten heute zu einem großen und zunehmenden Teil in geistiger Arbeit (IT-Industrie, Forschung, kreative Industrie usw.) besteht, stehen die Hochschulen dabei im Zentrum der Bemühungen um Wettbewerbsfähigkeit. Hierbei geht es darum, das Produkt der unternehmerischen Hochschule, sprich die Studierenden, geeigneter für ihre spätere Arbeit zu machen, sowohl durch die Aneignung einer bestimmten Subjektform als auch durch bestimmte Methoden und Kenntnisse.
Wie das alles im Einzelnen aussieht, und wodurch es konkret verursacht wurde, ist sehr komplex und kann hier nicht im Einzelnen dargestellt werden. Allgemein kann man aber sagen, dass sich die Hochschule vom Massenbildungsbetrieb der 60er bis 80er, der nicht durch seine innere Struktur schon für den Kapitalismus ausbilden musste, zu einer regelrechten Fließbandproduktion von Akademikern wandelte, die zunehmend in allen Facetten auf die Verwertungslogik zugeschnitten ist. Die Hochschule musste zwar immer schon für den Arbeitsmarkt ausbilden, aber in Zeiten relativen wirtschaftlichen Wohlstands war es dem Staat möglich, ihr eine gewisse innere Freiheit einzuräumen. In Zeiten vermehrten wirtschaftlichen Drucks muss sie nun jedoch, gerade aufgrund ihrer Bedeutung für die heutigen Arbeitsprozesse, auch von innen auf die Erfordernisse dieser Arbeitsprozesse zurechtgetrimmt werden.
Damit ist auch das Argument erbracht für die vorhin erwähnte realistische Einschätzung der wirtschaftlichen Lage, an der der Studierendenprotest vorbeigeht. Die Studienbedingungen sind keineswegs zufällig so desaströs, sondern weil sie systematisch darauf ausgerichtet sind, auf die Arbeit in der Wissensgesellschaft vorzubereiten. Nicht aufgrund eines Eindringens der Managementideologie in die Universität, sondern weil es den objektiven Zwängen zur Verwertung entspricht, wird die ehemals einer Elite zukommende freie Bildung durch eine massenhafte Fließbandproduktion von Akademikerinnen ersetzt. Die Hochschulreformen sind also nicht bloß eine Folge neoliberaler Ideologie, sondern folgen dem verstärkten Verwertungszwang des Kapitals in Zeiten vermehrter globaler Konkurrenz und Überakkumulation.
Die Hochschule ist de facto, den objektiven Anforderungen und dem eigenen Anspruch nach, ein Ausbildungsbetrieb für die Massen der arbeitenden Intelligenz geworden. Sie ist kein Freiraum mehr für ein Bildungsideal.
Der Studierendenprotest muss von diesen veränderten Bedingungen ausgehen: Er muss das Studium als Moment der gegenwärtigen gesellschaftlichen Organisation der Arbeit begreifen und zu einem Widerstand gegen deren kapitalistische Form werden. Er muss die heutige Hochschule zusammen mit der gegenwärtigen Organisation der Arbeit bekämpfen.

Aus diesen Veränderungen ergeben sich gravierende Folgen für die Organisation des Studiums. Welches sind Deiner Meinung nach die Hauptprobleme eines Studiums nach den Bologna-Reformen? Gibt es konkretere Forderungen, die Du angesichts dieser Probleme für angemessen hältst, aufzustellen?
Wenn man das Studium isoliert betrachtet, dann sehe ich das Hauptproblem darin, dass man noch viel weniger als früher in die Inhalte gehen kann bzw. sich noch viel weniger auf die Praxis beziehen kann. Das meine ich nicht bloß im Zusammenhang mit der Möglichkeit eines ernsthaften wissenschaftlichen Arbeitens, sondern genauso in der Schwierigkeit, die Studieninhalte von praktischen Problemstellungen, also auch einem zukünftigen Arbeitsinteresse her zu reflektieren. Das ganze Studium wird immer abstrakter und formeller, es geht auch nicht um Wissen als Selbstzweck, sondern um die Wiedergabe von erwünschtem Wissen als Selbstzweck, mit allen Entfremdungs- und Sinnlosigkeitserfahrungen, die mit so einem Zwang zur geistigen Arbeit verbunden sind. So ein Lernen hat eben nichts mehr mit einem selbst zu tun. Das ist eingekeilt von hochgeschraubten Prüfungszwängen, die sich jetzt das ganze Semester hindurchziehen, vom Ende der inhaltlichen Wahlfreiheit, überfüllten Seminaren, in denen sich niemand mehr vorbereiten kann. Der Hauptübeltäter ist im Grunde der ständige Zeitdruck, der einen bis Sonntag nacht begleitet und sich in die nächste Woche fortsetzt, obwohl da schon der Zeitdruck der neuen Woche beginnt.
Aber man muss auch sehen, dass die Bologna-Reform Auswirkungen auf die soziale Lage der Studierenden hat. Aufgrund der gestiegenen zeitlichen Anforderungen des Studiums ist es schwieriger geworden, nebenher zu arbeiten, und man kann auch zumeist nicht mehr das Studium langsamer absolvieren, weil man sonst exmatrikuliert wird.

Anschließend plädierst Du für die – von uns geteilte – Strategie, studentische Proteste in größere gesellschaftliche Kämpfe einzubinden, wie es mustergültig im Pariser Mai ’68 geschah, als von den Besetzungen an der Sorbonne Impulse für die Besetzungen der größten Fabriken des Landes durch Arbeiter_innen gesendet wurden. Dabei stützt Du Dich hauptsächlich auf den Begriff der Proletarisierung der AkademikerInnen. Wie fasst Du ihn?
Proletariat heißt, dass man keine eigenen Mittel hat, mit denen man seinen Lebensunterhalt erarbeiten kann, sondern dass man eigentumslos ist und seine Arbeitskraft verdingen muss, daher von anderen darin abhängig ist. Hier hatte ich keinen zeitlichen Prozess im Sinn, wonach also in den 70ern die Akademiker noch keine Proleten gewesen wären. Klassisch unterscheidet sich davon das Bildungsbürgertum, also die Akademiker. Sie arbeiten zum Teil auf eigene Rechnung und ökonomisch unabhängig, sind nicht weisungsgebunden oder arbeiten zumindest als führende Kräfte in den Betrieben, sie haben ein höheres Auskommen und durch ihre Bildung weit mehr Möglichkeiten, ihr Leben selbständig – sowohl in rechtlichen als auch in kulturellen Angelegenheiten – zu führen.
Diese Lebensbedingungen der Akademikerinnen haben sich mittlerweile verändert. Sie haben sich denen des Proletariats, das man natürlich als in sich sehr verschieden sehen muss, angenähert. Ihre Konkurrenz hat sich erhöht, die Löhne sind stark gesunken, die Selbständigkeit in ihren Arbeitsverhältnissen hat sich verringert, der Arbeitsdruck hat zugenommen. Das rührt vor allem von den den Veränderungen in der Arbeitsteilung her, in der geistige Arbeit einen viel größeren Anteil als früher einnimmt. Insofern spreche ich von einer „Proletarisierung der Akademikerinnen“.
Die Verbündung mit anderen gesellschaftlichen Kämpfen begründe ich von den eigenen Zielen des Studierendenprotestes her: Er kann nicht isoliert gegen die Ursachen der gegenwärtigen Hochschulpolitik kämpfen, da diese in der Krisenpolitik liegen, also diese systemisch sind und daher auch nur von einer gesamtgesellschaftlichen Bewegung modifiziert werden können. Der Studierendenprotest müsste sich am allgemeinen Widerstand gegen die aktuelle Krisen- und Sparpolitik beteiligen.
Die Proletarisierung der Akademikerinnen spielt für diese Verbündung insofern eine Rolle, als dadurch einerseits ähnliche Themen in Proletariat und Bildungsbürgertum gesetzt sind, andererseits die ständischen Absonderungen von Studierenden zumindest ins Wanken geraten sind und eine Solidarisierung wahrscheinlich wird.
Allerdings verändern sich solche subjektiven Faktoren nicht „von selbst“ bzw. nur aufgrund von veränderten ökonomischen Bedingungen. Studierende verstehen sich ohne Frage auch heute als „etwas besseres“ (das gilt auch für euch, liebe Leserinnen und Leser!). Es ist auch eine Frage der Politik des Protestes, die eben soziale Themen mit in ihr Programm aufnehmen und auf eine proletarische Bewusstseinsbildung unter Studierenden hinarbeiten muss.
Zu einer gesellschaftsweiten Bewegung könnten Studierende (und Akademiker) ihre spezifischen Fähigkeiten beitragen, die naturgemäß anderswo nicht so selbstverständlich vorhanden sind, zum Beispiel gesellschaftstheoretisches oder juristisches Wissen.
Die Proletarisierung der Akademikerinnen spielt für diese Verbündung insofern eine Rolle, als dadurch einerseits ähnliche Themen in Proletariat und Bildungsbürgertum gesetzt sind, andererseits die ständischen Absonderungen von Studierenden zumindest ins Wanken geraten sind und eine Solidarisierung wahrscheinlich wird.
Allerdings verändern sich solche subjektiven Faktoren nicht „von selbst“ bzw. nur aufgrund von veränderten ökonomischen Bedingungen. Studierende verstehen sich ohne Frage auch heute als „etwas besseres“ (das gilt auch für euch, liebe Leserinnen und Leser!). Es ist auch eine Frage der Politik des Protestes, die eben soziale Themen mit in ihr Programm aufnehmen und auf eine proletarische Bewusstseinsbildung unter Studierenden hinarbeiten muss.
Zu einer gesellschaftsweiten Bewegung könnten Studierende (und Akademiker) ihre spezifischen Fähigkeiten beitragen, die naturgemäß anderswo nicht so selbstverständlich vorhanden sind, zum Beispiel gesellschaftstheoretisches oder juristisches Wissen.

Anschließend an diesen Begriff schlägst Du in Deinem Artikel vor die Studierenden über die Vermittlung der Einsicht in die eigene Klassenlage zu einem tatsächlichen Bildungsstreik, der auf der kollektiven Verweigerung von Studienleistungen in einem kompletten Semester fußen würde, zu animieren. Wir beobachten nach dem mehr oder weniger kompletten Zusammenbruch der Bildungsstreikbewegung, wie sie beispielsweise auch in Frankfurt nach der geräumten Casinobesetzung zu beobachten war, gerade leider keinen besonders hohen Politisierungs- und Organisierungsgrad der Studierenden (und Schüler_innen) in der BRD. Wie schätzt Du vor diesem Hintergrund die Chancen für ein solches Vorhaben ein? Müsste dem nicht eine jahrelange Basisarbeit an den Bildungsinstitutionen inklusive einer besseren Einbettung in andere gesellschaftliche Kämpfe vorangehen? Wie könnte diese bewerkstelligt werden?
Erst eine kollektive Verweigerung von Studienleistungen könnte wohl eine echte Wirkung entfalten. Erst als tatsächlicher Streik kann der Studierendenprotest jenseits der Demonstration von Symbolen tatsächliche Macht entfalten und Widerstand werden: Nämlich dann, wenn der Hochschule und dem Staat ein Schaden entsteht, der finanziell höher liegt, als die Reformen einbringen und weiter einbringen können – ähnlich wie es im Arbeitskampf ein Streik tut. Möglicherweise ließen sich ausgehend von meinem Vorschlag kleinere Ziele diskutieren, die einen wirklichen Schaden bedeuten. Auch die Besetzung von Uni-Präsidien oder die eintägige Blockade einer Autobahn, obwohl immer von viel militanter Ästhetik begleitet, sind noch Teil einer Symbolpolitik. Ich bin mir darüber im Klaren, dass das Ausrufen eines solchen Bildungsstreiks zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziemlich illusionär wäre. Allerdings wäre dieser Streik das, worauf man eigentlich hinarbeiten müsste. Erst ein materieller Schaden oder seine Androhung kann politische Wirkung entfalten – Argumente und Miteinanderreden reichen dazu leider nicht aus.
Außerdem glaube ich, dass in den vergangenen Studierendenprotesten viel falsch gemacht wurde, und dass der fehlende Organisierungsgrad auch ein Resultat dieser Fehler ist.
Einer meiner größten Kritikpunkte am Studierendenprotest 2009/10 war die eventmäßige Ausrichtung. Bedürfnisse auf Institutionalisierung und Formalisierung von Prozessen wurden von vornherein zurückgewiesen oder entstanden gar nicht. Zwar hatten sich viele Studierende unter hohem persönlichen Aufwand und mit großer Einsatzbereitschaft dem Event gewidmet, und so entstanden viele Initiativen und Ideen. Aber es gab einen regelrechten Affekt gegen die Organisationsfrage (allgemeiner würde ich sogar sagen, gegen strategisches Denken überhaupt). Die längerfristige Aufrechterhaltung von Bewegungen, oder zumindest im Studierendenmilieu, lässt sich nur durch den Aufbau einer Organisation mit der Delegation von Funktionen an kompetente Einzelne, der Akkumulation von Erfahrung und politischem und praktischem Wissen und in diesem Sinn der Verstetigung der Abläufe bewerkstelligen.
Insofern halte ich den Zusammenbruch der Bewegung auch für eine Folge einer falschen Einstellung zu dieser Frage. Ich denke nicht, dass viele von denjenigen, die am Bildungsprotest 2009/10 beteiligt waren, sich wieder in dieser intensiven Weise engagieren – es haben sich damals ja alle auch persönlich sehr aufgerieben und hatten ihr Studium für ein Jahr fast ruhen lassen. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, wenn jetzt langsam neue politische Leute an die Unis gekommen, dass diese Kraft und Zeit für eine solche Bewegung aufbringen wollen. Von Seiten der existierenden Gruppen an der Uni mit hochschulpolitischem Interesse, in Frankfurt also etwa der campusantifa und dem SDS, und der Uni-Strukturen (AStA, Fachschaften) gilt es, eine solche Bewegung vorzubereiten, was etwa hieße, Wissen über die Hochschulpolitik zu sammeln, mögliche Strategien vorzudiskutieren, sich mit anderen Gruppen und Institutionen zu vernetzen und natürlich Unorganisierte möglichst in Strukturen einzubinden.
Wichtig fände ich dabei, sich vor der Falle des Radikalismus zu hüten. Es ist das eine, zu wissen, dass der abstrakte Grund der Widersprüche die kapitalistische Produktionsweise als solche ist. Aber die lässt sich nicht als solche adressieren, es bringt nichts, sich in einem Protest, also im Veröffentlichen eines Nichteinverstandenseins, gegen den Kapitalismus zu richten. Das verkommt eigentlich meist zu einem bloß ideellen Radikalismus, der sich auch um die konkreten Probleme und Ursachen nicht viel kümmert und letztlich vor allem eine revolutionäre Gesinnung einfordert, von daher auch sehr repressiv und moralisch wird. Gerade Studierende und Akademikerinnen laufen, weil sie sehr selbstbezogen und unsicher sind, Gefahr, sich in der Kundgebung eines Gegenstandpunkts selbst als Hüter der Wahrheit und in einem großen Gefühl des radikalen Dagegenseins zu erleben. An wen will man sich mit einer Losung wie „Kapitalismus abschaffen“ auch richten? Mit so einer Demonstration kann man die Leute nicht überzeugen, dass der Kapitalismus schuld ist. Nein, man muss Reformpolitik machen, muss von den konkreten Interessen und Problemen der Menschen in ihren kapitalistischen Verhältnissen ausgehen und darüber nachdenken, wie und mit welchen Mitteln hier Besserungen erkämpft werden können.
Gut, dann habt ihr noch gefragt, wie die Einbettung des Studierendenprotestes in andere gesellschaftliche Kämpfe bewerkstelligt werden könnte. Also, zum Teil wird es ja schon gemacht, es gibt eine gewisse Beziehung auf die „Recht auf Stadt“-Bewegung im Zusammenhang mit studentischer Wohnungsnot, auch gibt es aus der Hochschulpolitik Verbindungen zu den Gewerkschaften und anderen Organisationen. Man müsste das politisch diskutieren und auch sehen, wieviel man selbst in die Wege leiten kann.
Ich kenne mich aber damit nicht so gut aus und wollte vor allem etwas Strategisches ausarbeiten, nämlich die essentielle Erweiterung des Studierendenprotestes auf einen Krisenprotest. Die Hochschulreformen hängen immanent zusammen mit dem Krisenprozess, und es hat wenig Sinn, sich auf eine reine Hochschulpolitik zu verkürzen. Wenn der Studierendenprotest seine Ziele erreichen will, muss er Krisenprotest werden, in seine Themen die Krise immer mit hineinbringen und sich als Teil der gegenwärtigen allgemeinen Antikrisenbewegungen verstehen.

Wie schätzt Du die Möglichkeit einer breiteren Solidarisierung für ein solches Vorhaben beispielsweise durch ProfessorInnen und den Mittelbau ein?
Die Verbündung mit dem Mittelbau und den Professorinnen wäre strategisch wichtig, weil damit die Hochschulangehörigen in der Öffentlichkeit, in der die Lehrenden auch ein anderes Gewicht haben, mit einer gemeinsamen Stimme auftreten könnten, und weil in den Hochschulgremien nichts ohne die Professoren geht, die sowohl auf Fachbereichs- als auch auf hochschulweiter Ebene so deutlich in der Mehrheit sind, dass sie alles allein entscheiden können – soweit zumindest die demokratischen Gremien noch politische Macht haben, in der Goethe-Uni etwa hat der Präsident in vielen Dingen die alleinige Entscheidungsmacht.
Die Erfahrung zeigt allerdings, dass zwar der Mittelbau den Studierendenprotesten im Allgemeinen recht wohlwollend gegenübersteht: Zum Teil ermöglichen Mittelbau-Lehrende die Diskussion über Protestthemen in ihren Lehrveranstaltungen, viele beteiligen sich gerne mit kritischen Workshops an Protestwochen. Aber bei den Profs ist es fast durch die Bank gegenteilig, und wo einzelne Profs sich zumindest ideell auf die Seite der Studierenden stellen, verweisen sie in Diskussionen auf Sachzwänge und Weisungen von oben, die es ihnen nicht möglich machen sollen, den Anliegen der Studierenden nachzukommen.
Ohne dass ich jetzt eine genauere Analyse angestellt habe, würde ich sagen, dass das Vorhaben einer Verbündung mit den Profs recht unrealistisch ist. Erstens kommt es nicht einmal zwischen den Professorinnen zu einer politischen Organisierung und einer gemeinsamen Politik gegen die Ökonomisierung der Forschung und die Mittelkürzung. Wahrscheinlich ist das auch strukturell bedingt: An der Hochschule wird nicht im Sinne einer Abstimmung einer gemeinsamen Arbeitsteilung gearbeitet, sondern jeder arbeitet für sich und befindet sich oft auch in wissenschaftlichen Kontroversen mit den Kollegen. Die Konkurrenzmechanismen im Zuge der Hochschulreformen dürften ein übriges tun. Zum andern gibt es letztlich eine sehr große Distanz zwischen Profs und Studierenden. Die Professorinnen haben meist vor allem ein Selbstverständnis als Forschende, nicht als Lehrende, sie verkörpern Funktionen des Hochschulapparats, sind in seine routinierten Abläufe eingebunden, haben so etwas wie einen geregelten und finanziell gesicherten bürgerlichen Alltag. Das ist alles kritischen politischen Impulsen entgegengerichtet.
Das sind nun allerdings nur einige sporadische Überlegungen zum Thema. Ein begründetes Urteil möchte ich nicht abgeben. Man müsste wohl auch die Änderung dieser Strukturen in ein politisches Hochschulprogramm übernehmen. Was neben einer breiteren Solidarisierung auf jeden Fall möglich ist, ist eine Verbündung mit Strukturen linker Lehrende, wie dem Bund demokratischer WissenschaftlerInnen und der Assoziation kritische Gesellschaftstheorie. Da sind die Verbindungen mit linken Studierenden aber traditionell recht gut.

Auf der internationalen Ebene finden in manchen Ländern seit Jahren mit starker Intensität durchgeführte soziale Kämpfe im Bildungssektor statt. Besonders erwähnenswert sind unserer Meinung nach die Bewegungen in der kanadischen Provinz Quebec und in Chile. In Quebec wird die Perspektive eines Generalstreiks an den Hochschulen mit dem Ziel die Erhöhung der ohnehin schon sehr hohen Studiengebühren zu verhindern, seit dem letzten Jahr von vielen an der seit mindestens zwei Jahren andauernden Bewegung Beteiligten ernsthaft geführt. Eine Umsetzung in den nächsten Semestern scheint durchaus möglich. In Chile kämpft seit über einem Jahr eine Bewegung aus Schüler_innen und Studierenden, mit Unterstützung von Teilen der Lohnarbeiter_innen (letztes Jahr im September gab es dort einen Generalstreik zur Unterstützung der Kämpfe im Bildungssektor) gegen das noch aus der Zeit der faschistischen Pinochet-Diktatur stammende hoch privatisierte Bildungssystem.
In der bundesdeutschen Linken (und der sog. „Bildungsstreikbewegung“) werden diese Bewegungen aber kaum wahrgenommen, ein Bezug auf sie findet noch weniger statt. Unserer Meinung nach ist die nationale Fixierung der hiesigen Kämpfe ein großes Manko, das überwunden werden muss.
Siehst Du diese Notwendigkeit ebenfalls?
Böte die Idee des von Dir vorgeschlagenen Bildungsgeneralstreiks auch die Möglichkeit zu einer besseren gegenseitigen Bezugnahme der Kämpfe aufeinenander, etwa auf die kanadischen Streiks?
Ich bin auf jeden Fall für den Internationalismus, allerdings sehe ich nicht, warum die nationale Fixierung der Kämpfe im Hochschulbereich ein Problem darstellen sollte. Das Bewusstsein über Studierendenbewegungen in anderen Ländern kann sicherlich beflügelnd wirken, wie dies ja auch in der Protestphase 2009/10 der Fall war, in der sogar eine europäische Konferenz in Wien mit großer internationaler Beteiligung gelungen ist. Auch ist das Wissen über die Form der Proteste in Quebec wahrscheinlich wichtig für uns, weil sie sehr radikal sind und aufzeigen, bis wohin der Protest gehen könnte.
Allerdings sehe ich keine Notwendigkeit der internationalen Verbündung, die in der Sache liegt, also einen materiellen Grund hat. Im Widerstand gegen international agierendes Kapital, wo der Internationalismus ja herkommt, liegt die Verbündung auf der Hand, um die Konkurrenz der Proletarier der verschiedenen Länder aufzuheben. Aber Hochschulpolitik ist prima facie keine internationale Politik, und wir hier in Deutschland können den Protest in Quebec nur moralisch, aber nicht substantiell unterstützen.

Tanz im Kreuzfeuer der Krise – Zur Motivation, Positionierung und Konzeption der Zeitschrift

Vorbemerkung:

Der folgende Artikel vom Redaktionsmitglied Jonathan Klein erschien in der letzten Ausgabe der Zeitschrift des AStA der Goethe-Uni Frankfurt. Er stellt eine Selbstdarstellung unseres Projekts dar. In der Zeitschrift ist unmittelbar davor ein Artikel der LiLi zu ‚Blockupy‘ abgedruckt. Abgesehen davon, dass es auch in diesem Artikel um ‚Blockupy‘ geht, stehen die Artikel in keinerlei Bezug zueinander – unser Artikel ist also nicht, wie die Anordnung in der Zeitschrift suggerien könnte, als Antwort oder Reaktion auf den der LiLi zu verstehen.

Die Redaktion

 

Tanz im Kreuzfeuer der Krise – Zur Motivation, Positionierung und Konzeption der Zeitschrift
(Jonathan Klein für die Redaktion der Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan“)

Motivation des Projekts

Angelehnt an Klaus Manns Roman „Der Vulkan“, spiegelt unsere Namenswahl die Einschätzung wider, dass einerseits angesichts der Verschiebung und Fortentwicklung der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus (Immobilien- zu Finanzmarkt- zu Staatsschulden- und Eurokrise zu ?) auch den Zentren des kapitalistischen Weltsystems zukünftig eine immer autoritärere Krisenbewältigungspolitik, sowie zunehmend rechtlich-entbundene staatliche Repression und immer umfassendere gesellschaftliche Verelendung drohen; jedoch andererseits ein gesellschaftliches Verdrängungsprogramm aus Stress, Routine und Erlebniskultur gegenwärtig dazu verleitet, die Bedrohlichkeit dieser Situation in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit nicht adäquat wahrzunehmen.

Dieser weitverbreiteten Teilnahms- und Orientierungslosigkeit in Angesicht sich objektiv zuspitzender Probleme gilt es entgegenzuwirken. Denn als Begleiterscheinung solcher Entwicklungen lässt sich eine real immer ohnmächtigere und verunsicherte Masse voraussehen, welche die Gefahren reaktionärer Maßnahmen und Bewegungen mit zunehmender Zuspitzung der sozio-ökonomischen Probleme nur größer werden lässt.

Die Antwort auf die gegenwärtige Lage kann also nicht sein, Ohnmacht und Passivität der Menschen hinzunehmen und sich mit dem gegenwärtigen Zustand irgendwie arrangieren zu wollen. Vielmehr muss es darum gehen, die Eigeninitiative und gemeinsame Handlungsfähigkeit der Menschen durch politische Praxis und Prozesse der Selbstaufklärung voranzutreiben, um Möglichkeiten einer emanzipatorischen Krisenüberwindung zu schaffen. Dafür müssen politische Praktiken entwickelt werden, die über die Grenzen subkultureller Milieus hinausführen.

Die Blockupy Aktionstage vom 16.-19. Mai, waren ein solcher Versuch: Ein breites Bündnis verschiedener linker bis linksradikaler Gruppen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands und Europas kam in Frankfurt zusammen, um gegen die autoritäre Krisenbewältigungspolitik von EU, EZB und IWF zu demonstrieren – als Zeichen des Widerstands gegen den mittels von „Schock-Therapien“ geführten „Klassenkampf von oben“ und als Zeichen länderübergreifender Solidarität.
Neben eines angesichts dieser Situation nur allzu dringlich gebotenen Protests und Widerstands, ist die Besetzung von öffentlichen Plätzen, das Zusammenbringen verschiedener Menschen im Stadtzentrum, verbunden mit der Teilnahme an gemeinsamen politischen Aktionen auch eine Möglichkeit wichtige Politisierungs- und Organisierungsprozesse anzustoßen. Zwar müssen solche Politisierungsprozesse über spektakuläre Aktionen dieser Art hinausgehen und als lokale Widerstandspraktiken, in den Lebensverhältnissen des Alltags, in Arbeit, Schule, Stadtviertel usw. wirkliche, konkrete Inhalte finden. Doch können kollektive Aktionen wie Blockupy, wichtige erste Impulse für breiter angelegte Politisierungsprozesse dieser Art sein.

Vor diesem Hintergrund, war die Zeitschrift unser Versuch diese Aktionen zu unterstützen, unsere Positionen in diese Proteste einzubringen und durch radikale (die Probleme an der Wurzel packende) Analysen, einen Beitrag zum besseren Verständnis der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu leisten.

 

Positionierung der Redaktion
Dabei war das Projekt von Anfang an darauf angelegt, eine die Protest-Aktionen zwar begleitende, aber dennoch unabhängige Zeitschrift herauszugeben. Grund dafür war, dass wir nicht alle an diesen Protesten beteiligten Positionen integrieren, sondern nur uns treffend erscheinenden Analysen zu einer breiteren und wichtigen Öffentlichkeit verhelfen wollten.

Unserer Position liegt dabei die Auffassung zugrunde, dass die gegenwärtigen Krisenprozesse nicht einfach als Ergebnis einer neoliberalen Politik verstanden werden können, bzw. dass der politische Erfolg der neoliberalen Ideologie selbst als Symptom bestimmter Probleme innerhalb des kapitalistischen Akkumulationsprozesses verstanden werden muss. Marx folgend, begreifen wir den Kapitalismus als inhärent widersprüchlich und somit der eigenen Logik nach krisenhaft: Krisen sind kein Fehler des Systems, sondern notwendiger Bestandteil desselben. Entsprechend kann eine wirkliche Überwindung der Krise nur durch eine grundlegende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Lebensweise stattfinden.

Dabei haben wir uns jedoch auch bewusst dagegen entschieden, andere im Rahmen des Blockupy-Spektrums anzutreffende Krisenanalysen als falsch zu verdammen. Vielmehr ging es uns darum, Materialien zur Verfügung zu stellen, die denjenigen, die Fragen zur Krise und den gesellschaftlichen Entwicklungen haben, die Möglichkeit geben tiefer zu graben, weiter zu denken und somit selbst zu einem besseren Verständnis der sozio-ökonomischen Situation zu gelangen.

Ein solches intellektuelles durchdringen der gesellschaftlichen Lage halten wir für wichtig, da sich nur auf der Grundlage realistischer Einschätzungen sinnvolle Zielsetzungen und effektive Formen des Widerstands konzipieren lassen. Sollten solche Analysen fehlen, läuft man hingegen Gefahr, das Fieber als die Ursache der Krankheit zu bekämpfen: Und dabei zu immer drastischeren, blinden, bestenfalls wirkungslosen und schlimmstenfalls gefährlichen Maßnahmen zu greifen. Aber gerade aufgrund der Gefahren reaktionärer Impulse, wie sie sich auch aus kapitalismuskritischen Positionen ergeben können, dürfen in den gegenwärtig entstehenden Protestbewegungen radikal-linke Positionen nicht fehlen! Es muss darum gehen, die Leidenserfahrungen der Menschen ernst zu nehmen und gleichzeitig Analysen anzubieten, die über diffuses Unwohlsein, Wut und Empörung hinausweisen.

Inhalt und Konzeption der Zeitschrift

Die Zeitschrift beginnt mit einer konstruktiv-kritischen Einschätzung der Blockupy-Aktionen – eine Einschätzung, die durch die realen Entwicklungen weitestgehend bestätigt wurde. Daran an schließt ein Artikel zur Besonderheit Frankfurts, als eine vom Finanzkapital und dessen Interessen dominierte Stadt. Auch diese Tatsache wurde durch den Ausnahmezustand, in den der massive Polizeieinsatz die Innenstadt während der Aktionstage versetzte, sehr anschaulich unterstrichen. Es folgen ökonomische Krisenanalysen, ein Schwerpunkt zu Europa und Griechenland, einschlägige radikal linke Positionen zur Debatte um den Verbleib Griechenlands in der Eurozone, ein Blick auf geschlechtsspezifische Auswirkungen der Krise, strategische Überlegungen zu Studierendenprotesten in der gegenwärtigen Krise, sowie ein Text zur Verbindung von Kapitalismus und Rassismus als Dauerkrise der Menschenrechte. Den Abschluss machen ein kultur-und ideologiekritischer Artikel zur Erlebniskultur und ein Artikel, der der Frage nach der Gefahr und den sich abzeichnenden Mustern eines reaktionären Bewusstseins in der Krise nachgeht.
Zusätzlich zu diesen verschiedenen Themen und mitunter auch divergierenden Positionen, strebt die Zeitschrift eine Verbindung von Kunst und politischer Analyse an, durch sowohl die künstlerischen Beiträge im Heft als auch die kulturkritischen Texte. Diese Form soll dabei selbst praktischer Inhalt sein: denn ein Grundproblem kapitalistischer Gesellschaften ist die Spezialisierung und Selbstbezüglichkeit der Gesellschaftsbereiche, wie sie auch für politische Praxis in der linken Szene kennzeichnend sind. Dabei werden die spezialisierten Teilbereiche vom umfassenderen Leben getrennt und entwickeln zunehmend selbstreferentielle Dynamiken. Emanzipatorische Praxis muss daher nicht nur der herrschenden Politik eine Alternative entgegensetzen; sondern auch danach streben verhärtete Trennungen verschiedener Gesellschafts- und Lebensbereiche überwindbar zu machen. Außerdem laufen rein ökonomische und politische Analysen Gefahr, die Tendenz der Reduzierung menschlicher Aktivität auf vordefinierte Logiken zu unterstützen und somit selbst zur tendenziellen Verwandlung von Menschen in Automaten beizutragen. Durch die Verbindung verschiedener Positionen und Themen sowie Wissenschaft und Kunst geht es also auch darum, eine der Darstellungsform nach praktische Kulturkritik zu entwickeln.

Die Umsetzung dieser Überlegungen, sowie die auf einfache Verständlichkeit angelegte Darstellung komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge stellten sich jedoch selbstverständlich als schwierig dar. Zudem konnten viele angedachte Themen (darunter Krise und Militarisierung, die Lage der Arbeiterklasse in Deutschland sowie praktische Überlegungen zu Revolution und Vorstellungen über einen radikal emanzipatorischen Gesellschaftsentwurf) leider nicht realisiert werden. Diese und andere, auch aufgrund des Zeitdrucks und der knappen menschlichen Arbeitskraft notwendigen Abstriche (auch in dieser Hinsicht: Zeitschrift in der Krise), lassen sich jedoch auch als Stellungnahme gegen den Perfektionismus deuten: eine weit verbreitete Quelle von Tatenlosigkeit und Selbstentmächtigung. Das heißt nicht, dass wir eigene und fremde Kritik nicht ernst nehmen und im nächsten Projekt nicht hoffentlich Vieles besser machen werden. Aber wir sind überzeugt, dass auch in dieser Form die versammelten Beiträge äußerst lesenswert sind und einige zentrale Aspekte der Krise erhellen.

Diese schreitet derweil scheinbar unaufhaltsam voran. Es liegt auch an uns Studierenden, in Zukunft breiteren und effektiveren Widerstand gegen diese immer krisenhaftere Ordnung zu mobilisieren und zu unterstützen!

Zur aktuellen Lage des IvI

Wir möchten diese Seite nutzen, um auf die aktuelle Lage des IvI aufmerksam zu machen. Seit der Besetzung des Kettenhofweg 130 im Jahr 2003 ist das „Institut für vergleichende Irrelevanz“ im Kettenhofweg 130 ein nicht mehr weg zu denkender Bestandteil der alternativen Kulturszene in Frankfurt. Kapitalismuskritische, institutionsunabhängige Wissenschaft, Kunst und Politik haben hier einen festen Platz. Auch unser Projekt wäre ohne das IvI nicht möglich gewesen. Auch wir konnten das IvI für unsere Redaktionstreffen nutzen und würden dies auch gerne weiterhin tun.
Ende Februar wurde plötzlich bekannt, dass das IvI an den Investor „Franconofurt“ verkauft wurde. Am vergangenen Dienstag, den 22. Mai, schaffte „Franconofurt“ nun Fakten: Mitarbeiter der Firma statteten dem Gebäude morgens einen Besuch ab, bauten die Eingangstür aus und kappten die Strom- und Wasserversorgung. Sie drohten damit, in 14 Tagen wiederzukommen und das Gebäude „selbst“ zu räumen. Diese Ankündigung wurde auch seitens der Presse von „Franconofurt“ wiederholt. Das Projekt „IvI“ ist so hoch gefährdet. Langfristig geplante Projekte wie die Tagung „Kunst – Erkenntnis – Problem“, die vom 22. bis 24. Juni im IvI stattfinden soll (website: www.kunst-erkenntnis-problem.de), und das IvI-Festival, das am zweiten Juli-Wochenende stattfinden soll, stehen nun unter Umständen plötzlich ohne Raum da.

Die Redaktion erklärt ihre Solidarität mit dem IvI und ruft zur Solidarisierung auf.

Es gibt eine Online-Petition: http://www.ipetitions.com/petition/ivi/

Weitere Informationen finden sich auf der Seite des IvI: http://ivi.copyriot.com/

In unserer Zeitschrift geht insbesondere der Artikel Schauspiel Frankfurt von Thiel Schweiger auf das IvI ein. Wir werden dazu in den nächsten Wochen noch einen umfangreichen Artikel auf dieser website veröffentlichen.

Zeitschrift digital da

Wegen dem hohen Interesse an unserer Zeitschrift haben wir jetzt erstmal den Inhalt der Zeitschrift, also alle Artikel außer den Umschlag, zum Download als pdf bereit gestellt. Das Dokument ist in der Rubrik „Inhalt“ abrufbar.

Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass sich in diese Version, die mit der ausgedruckten, die wir verteilt haben, identisch ist, zahlreiche Fehler eingeschlichen haben. Manche fallen auf, andere nicht. Wir werden daher von den meisten Artikeln korrigierte Versionen in den nächsten Wochen auf dieser website bereit stellen.

Zeitschrift digital

Hallo,

da wir alle über die „Blockupy“-Aktion mit dem Verteilen der Zeitschrift beschäftigt waren, haben wir es bisher leider nicht hingekriegt, eine digitale Version der Zeitschrift hier online zu stellen. Diese folgt aber für alle Interessierten in Kürze.

Die Redaktion

Ignatius Tremor: „Postsozialismus“

Das letzte der fehlenden Gedichte. Der im Umkreis von Frankfurt lebende Dichter Ignatius Tremor ist per E-Mail direkt zu kontaktieren via

ignatius.tremor [at] googlemail.com

***

Postsozialismus

Eines Morgens, irgendwo im Osten:

Träge und fett geht die Sonne auf,

dampfende Felder, voll Strommasten und Ruinen,

stützen ihre Strahlen bis zum Mittag –

dann sehen wir weiter.

„Denn zuerst, meine Brüder und Schwestern,

wollen wir ruhig sein. Keine Plackerei!“

Rufe ich über den Dorfplatz.

Denn auch Marx war Ästhet, nicht Asket,

vor einer Ewigkeit.

Amen.

Ignatius Tremor: „Mittags, halb 3 „

Hier nun das erste der beiden fehlenden Gedichte von Ignatius Tremor:

***


Mittags, halb 3

Staubstürme wüten mittags in den Straßen,

sie wirbeln welke Blätter, kleine Kinder, Altpapier.

Die Sonne blitzt mit träger Herbstesmasse auf der Menschen Angesichter –

gerötet, wie sie sind. Der Druck der Zivilisation, er lastet schwer.

 

Verwirrte Greise sitzen auf der Bank und reden,

allein mit ihren Augen schweigen sie:

Von einem grauen, angefüllten, suchtdurchsetzten Arbeitsleben,

das dort begann, hier endete es nie.

 

Und über all den Menschen in den Straßen,

in den Fabriken, unterm Staub des letzten Mittagssturms,

spannt sich ein blauer Himmel, ein Versprechen ohne Maßen,

unmerkliche Präsenz der fast vergessnen Utopie.

 


						
					

Pjotr G. Distelkranz: „Variationen über das Wort ‚Krise‘ „

Auch den besten passieren Fehler. So fehlen in dem gedruckten Heft drei Gedichte von Pjotr G. Distelkranz und Ignatius Tremor, die ursprünglich in das Heft rein sollten, beim hektischen Endlayout jedoch unter den Tisch fielen. Sie sollen nun zumindest auf der website veröffentlicht werden. Den Beginn macht Pjotr G. Distelkranz‘ speziell für die Zeitschrift produzierte Arbeit Variationen über das Wort „Krise.

Die Redaktion wünscht eine gleichermaßen unterhalt- und lehrsame Lektüre.

***

Variationen über das Wort „Krise“

Oh Liese,

wie hab’ ich diese

globale Finanzmarktkrise

satt.

Auf den Devisen-

märkten steigen die Miesen

riesen-

haft.

Und die Menschen,

speziell die Griechen

siechen.

Doch auf den Wiesen

die Primeln

sprießen,

Fortunen Blüten vergießen

auch in dieser

tristen

Stadt.

Wüssten doch die fiesen

miesen

Krisen-

macher um die sieben

Tore und das siebte

Siegel

aus Achat.

Wären dann die Fliesen

zum bespiegelnden

bespielen

nicht

so hart?

Wie könnt’ ich diesen

Lauf auf Spießen

nur je genießen?

Sag!

Darum laute die Devise:

„Krise“

kommt von „kiesen“!

Krieche,

fließe

oder fliehe,

jedenfalls: siehe,

die Krise

findet

statt.

Ich begrüße

sie beflissen,

doch ohne Liebe,

matt,

statt-

dessen begieße

ich die Sitze

des Krisen-

tums mit Diesel

und brennendem Phosphat.

13.5., 18 Uhr: Releaseveranstaltung im KOZ

Was? Release-Veranstaltung der Zeitschrift „Tanz auf dem Vulkan – Zeitschrift in der Krise“

Wann? So, 13.5., 18 Uhr

Wo? KOZ (Studierendencafé Campus Bockenheim)

Viele Menschen in Deutschland wissen mehr, als die Medien zu verschleiern versuchen: Alles deutet darauf hin, dass wir in folgenschweren Zeiten leben. Wir durchleben die größte Krise des Kapitalismus seit 1929. Und bisher haben diese im Kapitalismus im Abstand von etwa 60-80 Jahren ausbrechenden Weltwirtschaftskrisen – deren untrüglicher Vorbote ein sich grenzenlos aufblähender Finanzsektor ist – immer zu enormen gesellschaftlichen Umwälzungen und Katastrophen geführt.“

Diese Umwälzungen gilt es nicht passiv hinzunehmen, sondern als Chance für eine Veränderung in eine Richtung einer Gesellschaft zu begreifen, die nicht mehr auf der Profitlogik basiert, in der die Menschen nicht mehr dem blinden Wechsel von Wachstum und Krise ausgeliefert sind, sondern „deren Ziel es ist, dass alle Menschen gleichermaßen ihr Leben selbst bestimmen können. Aber um die Möglichkeit zur Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse zu haben, müssen die gesellschaftlichen Dynamiken auch verstanden werden.“ Deshalb haben wir die Zeitschrift Tanz auf dem Vulkan – Zeitschrift in der Krise produziert. Am 13.5. werden wir im KOZ unsere Zeitschrift vorstellen. Einige Autor_innen werden ihre Artikel präsentieren und es wird Gelegenheit zur Diskussion geben.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen!

Die Redaktion.

Kontakt: krisenzeitschrift@ymail.com

Website: https://tanzaufdemvulkan.wordpress.com

Die Zeitschrift wird an vielen bekannten linken Zentren in der Rhein-Main-Region kostenlos zu erhalten sein, insbesondere während der Blockupy-Tage.

Programm

Gedichte
Pjotr G. Distelkranz

Darstellung und Politik unseres Zeitschriftenprojekts
Die Redaktion

EZB blockieren ohne Illusionen!
Kritische Anmerkungen zur Blockupy und Perspektiven des Widerstands gegen die Krisenpolitik

Volkhard Mosler

Schauspiel Frankfurt
Eine Stadt am Pulsschlag des postmodernen Finanzkapitals
Thiel Schweiger

Zur Strategie des Studierendenprotests in der gegenwärtigen Krise des Kapitals
Emanuel Kapfinger

Veranstaltet in Kooperation mit dem AStA der Uni Frankfurt.

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